Flucht aus Afghanistan: Wer bleibt, hat schon verloren Fast jeder in Afghanistan träumt von einem besseren Leben im Ausland. Der Risiken sind sich die Ausreisewilligen durchaus bewusst. Doch der Wunsch zur Flucht ist stärker.

Flucht aus Afghanistan
Wer bleibt, hat schon verloren
Fast jeder in Afghanistan träumt von einem besseren Leben im Ausland. Der Risiken sind sich die Ausreisewilligen durchaus bewusst. Doch der Wunsch zur Flucht ist stärker.

Anstehen für den Pass: Afghanische Männer warten in Kabul vor dem Passbüro. (Bild: Omar Sobhani / Reuters)

Anstehen für den Pass: Afghanische Männer warten in Kabul vor dem Passbüro. (Bild: Omar Sobhani / Reuters)

Dubai, Thailand, Deutschland

Weg wollen viele, doch nicht alle zieht es nach Europa. Yasin, ein dreissigjähriger Mann in der traditionellen Kleidung der Paschtunen, erzählt, er brauche einen Pass, weil er in Dubai als Chauffeur arbeiten wolle. Jan Mohamad ist einige Jahre jünger und vertritt das städtisch-moderne Afghanistan. Er hat eben sein Wirtschaftsstudium abgeschlossen und will nun mit Freunden in Thailand ein Unternehmen gründen.

Eine grosse Zahl an Afghanen, besonders solche aus der schiitischen Minderheit der Hazara, versucht in Iran ihr Glück. Das Ende der internationalen Sanktionen lässt auf verbesserte Verdienstmöglichkeiten für Gastarbeiter im westlichen Nachbarland hoffen. Und natürlich leben weiterhin Millionen von afghanischen Flüchtlingen in Pakistan.

Dennoch, Europa und vor allem Deutschland sind für viele die Wunschdestination. Afghanen stellen nach Syrern die zweitgrösste Gruppe an Migranten, die 2015 nach Europa eingewandert sind. In Deutschland kamen im vergangenen Jahr 154 000 der registrierten Neuankömmlinge aus Afghanistan, zirka 15 Prozent aller Zuwanderer.

Afghanistan verliert durch die Massenflucht besonders jene Kräfte, die es für den Wiederaufbau des Landes dringend bräuchte. Doch die Regierung unternimmt wenig, um die Emigration einzudämmen oder Ausgewandertezurück ins Land zu holen. Ohnehin gibt es in Afghanistan kaum Arbeitsplätze, und viele Afghanen leben in bitterer Armut. Um unrealistische Vorstellungen über das Leben als Flüchtling in Deutschland zu zerstreuen, die in Afghanistan kursieren, liess die deutsche Botschaft im vergangenen Jahr in Kabul Plakate aufhängen: «Du willst nach Deutschland? Überleg es dir gut!», lautete die Botschaft.

Hakum Khan kennt die deutsche Kampagne. Auch vom Stimmungsumschwung in Europa angesichts der Ströme an Zuwanderern hat er gehört. Dennoch zweifelte er keinen Moment daran, dass sein jüngerer Bruder Ismail sein Glück versuchen sollte. «Was gibt es da zu überlegen? Natürlich kann man in Europa auch scheitern. Und die Reise ist gefährlich. Das Leben hier ist aber gefährlicher.» Ismail Khan hatte bis zum weitgehenden Abzug der internationalen Truppen Ende 2014 auf der Nato-Basis in Mazar-e Sharif im Norden des Landes gearbeitet. Irgendwann schnappte er Gerüchte auf, dass man ihn als «Agenten» der Amerikaner bezeichne, was ihn zum Ziel für Anschläge der Taliban macht.

Reise in Etappen

Der erste Schmuggler brachte Ismail Khan nach Iran, ein zweiter in die Türkei. Von dort ging es übers Meer. Nur die wenigsten Schlepper organisieren die ganze Tour von Afghanistan in Richtung Westen, die meisten Migranten hangeln sich von einem Schlepper zum nächsten und bezahlen etappenweise. Die gesamte Reise kostet zwischen 4000 und 25 000 Dollar, abhängig von Komfort- und Sicherheitsleistungen.

Ismails Boot ist in der Ägäis zweimal fast gekentert, einmal lief es auf einen Felsen auf. Gerettet wurden die Insassen schliesslich von der griechischen Küstenwache. Wie es danach weiterging, weiss Hakum nicht genau. Am 22. Januar, nach zwei Monaten, sei Ismail aber in der Schweiz in einem Auffanglager angekommen – oder in Schweden? Auf alle Fälle habe er es geschafft.

Ismails Gefährdung in Afghanistan ist unbestritten, er dürfte Asyl erhalten. Das bedeutet nicht, dass seine Flucht nicht auch ein ökonomisches Motiv hat. Hakum erklärt, die Familie habe 7000 Dollar investiert, damit wenigstens einer im Westen Fuss fassen könne. Besitz sei verkauft, Land verpachtet worden, um das Geld aufzuwerfen. Er wäre selber gerne gegangen, sagt Hakum. Als einziger Verdiener in der Grossfamilie musste er aber bleiben.

Ähnliches erzählt Janaghar. Sein Bruder Amanullah brach vor zwei Monaten nach Europa auf. Bessere Aussichten auf Asyl hätte wohl Janaghar selber, der früher in einem von Indern besuchten Hotel als Wachmann arbeitete. Heute beschützt er eine ausländische Internetfirma in Kabul.

Existenzsicherung

Die Verbindung zu Ausländern und seine Vergangenheit an der Seite des legendären Kommandanten der Nord-Allianz, Ahmad Shah Massud, machen ihn zu einem Gegner der Taliban und somit zu einer stark gefährdeten Person. Doch 25 Personen hängen von Janaghars Gehalt ab, zudem ist er Familienoberhaupt. Deshalb wurde Amanullah geschickt. Die persönliche Gefährdung ist nur ein Faktor von vielen. Vor allem geht es um die Existenzsicherung der afghanischen Grossfamilie.

Würde Janaghar in Europa als Flüchtling anerkannt, während sein Bruder vielleicht nur als Wirtschaftsmigrant gelten wird? Macht das die Flucht Amanullahs weniger legitim? In den Augen ihrer Familie sicherlich nicht. Die Kategorien des westlichen Asylrechts spielen angesichts der afghanischen Realität keine Rolle. Zwar gibt es Inseln oberflächlicher Normalität, dennoch kann niemand sich dem ständigen Ausnahmezustand entziehen.

«Natürlich wissen wir, wie risikoreich die Reise nach Europa ist und wie schwer der Neuanfang dort», erklärt Janaghar. «Die einen schaffen es, die anderen nicht. Doch wer hierbleibt, der hat schon verloren.»

Rückkehr im Charterflugzeug

Ende Februar sind 135 Afghanen von Deutschland in ihre Heimat zurückgebracht worden, an Bord eines Charterflugzeugs. Es handelte sich nicht um erzwungene Rückschaffungen; die Afghanen hatten sich freiwillig zur Heimkehr entschieden.
Der deutsche Innenminister Thomas de Maizière war zuvor in die Kritik geraten, als er erklärte, die meisten Städte und Gebiete im Norden Afghanistans könnten als sichere Herkunftsregion betrachtet werden, womit eine Rückschaffung von Flüchtlingen in diese Gebiete möglich sein müsste. Anfang Februar reiste er nach Afghanistan, um von der Regierung eine verstärkte Zusammenarbeit bei der Eindämmung des Flüchtlingsstroms, aber auch die Rückübernahme abgewiesener Migranten zu fordern. Die Anerkennungsquote für afghanische Asylbewerber in Deutschland liegt bei 47,5 Prozent, zurückgeschafft wurden 2015 aber nur acht Personen.

 

http://www.nzz.ch/international/naher-osten-und-nordafrika/flucht-aus-afghanistan-wer-bleibt-hat-schon-verloren-ld.8677

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Autor: demokratischewerkstatt

Ich mache bisher diese Seite allein, suche aber Partner, die ähnlich denken, die Zusammenarbeit. Ich möchte anregen aktiv zu werden und zur Belebung der Demokratie beizutragen, um Lösungen für die ungeheuren und hochgefährlichen Herausforderungen zu finden. Altes Denken reicht dazu nicht, aber wir können viel von ihm lernen, um die Möglichkeiten für neue Wege zu erkennen und zu öffnen. Ich setzt da auf die Methode der "Zukunftswerkstätten" von Robert Jungk, die er entwickelt hat, um mehr demokratische Mitwirkung zu erreichen. In Wanfried möchte ich so eine Zukunftswerkstatt mit Gleichgesinnten von überall schaffen und dann gemeinsam anregen, in mehr Städten und Regionen dies zu tun, zur Innenpolitik, Gesellschaftspolitik, zur Außenpolitik und Weltpolitik, denn letztlich spielen all die ineinander und sind nicht aus sich allein zu verstehen. Meldet Euch, wenn ihr es mit mir versuchen wollt, gemeinsam etwas voranzubringen. Tel: 05655-924981, Demokratische Werkstatt Wanfried (DWW)

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