„Der Westen schafft sich seine terroristischen Bedrohungen zu einem erheblichen Teil selbst.“ Bei den westlichen Verantwortlichen kommt dabei oft eine nicht mehr zu überbietende Mischung aus Arroganz und Dummheit zutage, die ihrer Art nach keine Neuheit ist, aber immer wieder im Detail erbittert. Das schlimmste ist wohl die weitgehende Unbelehrbarkeit. Der Glaube, dass sich durch Zerstörung bestehender Staaten Freiheit und Demokratie verbreiten ließen, anstelle von Bürgerkriegen und Chaos, hat jede entgegenstehende Erfahrung überdauert. Auch die Aufrüstung von Terrormilizen gehört spätestens seit dem sowjetisch-​afghanischen Krieg zum Standardrepertoire westlicher Politik. Dass diese Truppen früher oder später die Hand beißen, die sie füttert, ist ein ebenso altes Phänomen. Nichts davon hat zu einem ernsthaften Umdenken geführt.

WESTLICHE WERTE IM ORIENT

Mittwoch, 30 März 2016 09:55von Johannes Konstantin Poensgen

Westliche Werte im Orient

Michael Lüders Buch rechnet mit der westlichen Politik im Mittleren Osten ab. Doch bleibt er dem westlichen Narrativ verhaftet.

Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet hält, was der Titel verspricht: Eine scharfe Kritik an der westlichen Politik im Nahen und Mittleren Osten, die zu dem Schluss kommt: „Der Westen schafft sich seine terroristischen Bedrohungen zu einem erheblichen Teil selbst.“ Das Buch besticht durch die Fachkenntnis von Lüders sowohl als Politologe als auch als Islamwissenschaftler. Es steht trotz der populärwissenschaftlichen Aufmachung deutlich über dem für solche Publikationen üblichen Niveau, obwohl das ganze Buch keine einzige Fuß– oder Endnote, kein Literatur– oder Quellenverzeichnis und nicht einmal ein Register enthält. In seiner Gesamtschau gerät es aber an die Grenzen dessen, was eine im Grunde wohlwollende Kritik der „westlichen Wertegemeinschaft“ in der derzeitigen Lage überhaupt noch erkennen kann.

Terror Made in USA

Eine der Stärken Lüders liegt in der Darstellung der einzelnen Akteure des Dramas im Mittleren Osten. Bei den westlichen Verantwortlichen kommt dabei oft eine nicht mehr zu überbietende Mischung aus Arroganz und Dummheit zutage, die ihrer Art nach keine Neuheit ist, aber immer wieder im Detail erbittert. Das schlimmste ist wohl die weitgehende Unbelehrbarkeit. Der Glaube, dass sich durch Zerstörung bestehender Staaten Freiheit und Demokratie verbreiten ließen, anstelle von Bürgerkriegen und Chaos, hat jede entgegenstehende Erfahrung überdauert.

Auch die Aufrüstung von Terrormilizen gehört spätestens seit dem sowjetisch-​afghanischen Krieg zum Standardrepertoire westlicher Politik. Dass diese Truppen früher oder später die Hand beißen, die sie füttert, ist ein ebenso altes Phänomen. Nichts davon hat zu einem ernsthaften Umdenken geführt.

Selbst Sanktionen gelten weiterhin als probates Mittel einen Regimewechsel herbeizuführen, obwohl dergleichen noch in keinem einzigen Fall geschehen ist. Wenn man sich vor Augen führt, dass allein die Sanktionen gegen den Irak etwa eine Million Tote durch mangelnde medizinische Versorgung zur Folge hatten und die gesamte Gesellschaftsstruktur zusammenbrach, begreift man, worauf der IS auch gewachsen ist. Lüders berichtet z.B. über Taxifahrer der späten Saddam-​Zeit in zerschlissenen Boss– und Armani-​Anzügen, bei denen es sich um ehemalige Angehörige der oberen Mittelschicht handelte.

Negative Monokausalität

Die Ursachenforschung von Lüders zum islamischen Terror, wie überhaupt zu den Schattenseiten der muslimischen Welt, folgen dem, was Manfred Kleine-​Hartlage einmal „negative Monokausalität“ genannt hat: Alles ist schuld, nur nicht der Islam. Dabei verfällt Lüders allerdings nicht auf die Plumpheiten der Sorte: „Das hat nichts mit dem Islam zu tun.“ Er kennt den weltanschaulichen Hintergrund des IS gut. Wer hätte zum Beispiel gewusst, dass sich die IS-​Zeitschrift Dabiq mit ihrem Namen auf einen obskuren Hadith bezieht, demzufolge bei der Ortschaft Dabiq in Nordsyrien eine apokalyptische Endschlacht der Muslime gegen 42 Heere der Römer – gemeint war damals Byzanz – stattfinden werde?

Aber Lüders führt diese Ideologie nur bis zum Wahhabismus des 18. Jahrhunderts zurück, der heute im vom Westen unterstützten Saudi-​Arabien Staatsreligion ist. Die entscheidende Frage lautet hier aber: Wie weit folgt die heutige Djihadbewegung aus den Geboten Mohammeds und des Korans? Wie weit hat Abu Bakr al-​Baghdadi von einem koranischen Standpunkt aus recht? Solange er diese Frage ignoriert, sind seine Aufrufe gegen den „Islamhass“ allzu wohlfeil.

Die Häutung der muslimischen Welt

Ein anderes Problem ergibt sich mit Lüders geschichtlicher Einordnung der Vorgänge im Orient. Er spricht von einer „Häutung“ der muslimischen Welt, bei der die alten Systeme unhaltbar geworden sind, eine neue Ordnung sich aber noch nicht abzeichnet. Diese Häutung werde zwar blutig verlaufen, dennoch werde es auf Dauer gegen das Verlangen nach Demokratie keinen Damm geben. Seine Analyse der Staats– und Gesellschaftssysteme der Region ist dabei prägnant und im Großen und Ganzen richtig. Es handelt sich um Stammes– und Klientelstrukturen, in denen die jeweiligen Herrscher vor allem an das Wohl ihrer eigenen Sippschaft denken, aber keine nationale Verantwortung zu übernehmen bereit sind. Nur die Deutung dieser Zustände als Feudalherrschaft und die damit einhergehenden geschichtsphilosophischen Konzepte halten einem genaueren Blick nicht stand.

Trotz aller Kritik am Westen bleibt Lüders dem Narrativ der westlichen Demokratien verhaftet. Er vergleicht die Golfstaaten ernsthaft mit der Heiligen Allianz und erwartet, dass diese „reaktionären“ Kräfte ebenso vom Fortschritt hinweggefegt werden. Als einziges, wenn auch gravierendes Hindernis sieht er das bisherige Fehlen einer starken gesellschaftlichen Mittelschicht, die analog zum abendländischen Bürgertum des 19. Jahrhunderts die Macht übernehmen könnte. Dass die geistige und kulturelle Entwicklung des damaligen Okzidents eine ganz andere war als die des heutigen Orients, übersieht er ebenso wie die nicht minder bedeutsame Tatsache, dass auch bei uns die Zeit weitergelaufen ist und von der enthusiastischen Demokratiebegeisterung des 19. Jahrhunderts nur noch eine tiefe Müdigkeit übriggeblieben ist.

Aus demselben Grund erkennt Lüders auch nicht, dass die wiederaufflammende politische Bedeutung des Islam nicht ursächlich auf den Putsch der CIA und des MI6gegen den iranischen Ministerpräsidenten Mossadegh von 1953 und den von der CIAunterstützten Djihad gegen die Sowjets in Afghanistan zurückgeht. Zweifellos haben diese Aktivitäten des Westens Öl ins Feuer gegossen. Aber die Reislamisierung ist ein Phänomen, dass von der Türkei bis nach Indonesien reicht und eine allgemein verbreitete Reaktion auf das Scheitern der verschiedensten Systeme abendländischen Ursprungs ist.

Was wäre, wenn der Islam als identitätsstiftende Kraft wegfiele?

Welche gesellschaftliche Bindungskraft schließlich ein modernisierter Islam noch haben soll, den er wünscht, was die orientalischen Gesellschaften überhaupt noch zusammenhalten soll, wenn Stammes– und Religionszugehörigkeit als identitätsstiftende Faktoren an Einfluss verlieren sollten, dies ist eine Frage, die Lüders sich bei seinem Spagat zwischen seinen Rollen als Islamfreund und als westlicher Demokrat auch nicht stellt.

Wer den Wind sät ist das Buch eines Kenners der Materie. Seine Stärke liegt allerdings in der Kritik einer verfehlten Politik, die seit Jahrzehnten keine Gelegenheit auslässt Katastrophen zu produzieren. Unfreiwillig zeigt es aber auch die Grenzen auf, die einer loyalen Opposition zu den westlichen Eliten schon bereits bei der Lagenanalyse unterliegt. Selbst die scharfe Kritik an Israel, in der er auch die Heuchelei unserer historisch Verantwortlichen bloßstellt, deren moralische Verpflichtung aus dem Holocaust in der Unterstützung eines Völkermordes an den Palästinensern besteht, kann an diesem Gesamteindruck nichts ändern. Lüders will der islamischen Welt Gerechtigkeit widerfahren lassen und gleichzeitig am universellen Anspruch der westlichen Werte festhalten. Unter diesen westlichen Werten hat Religion nur in der karikaturhaften Form der Amtskirchen einen Platz. Deshalb muss Lüders den tiefen religiösen Ernst des Islams, der eben keine lifestyle choice ist, unterschlagen.

Michael Lüders: Wer den Wind sät, Was westliche Politik im Orient anrichtet. München 2015.

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Autor: demokratischewerkstatt

Ich mache bisher diese Seite allein, suche aber Partner, die ähnlich denken, die Zusammenarbeit. Ich möchte anregen aktiv zu werden und zur Belebung der Demokratie beizutragen, um Lösungen für die ungeheuren und hochgefährlichen Herausforderungen zu finden. Altes Denken reicht dazu nicht, aber wir können viel von ihm lernen, um die Möglichkeiten für neue Wege zu erkennen und zu öffnen. Ich setzt da auf die Methode der "Zukunftswerkstätten" von Robert Jungk, die er entwickelt hat, um mehr demokratische Mitwirkung zu erreichen. In Wanfried möchte ich so eine Zukunftswerkstatt mit Gleichgesinnten von überall schaffen und dann gemeinsam anregen, in mehr Städten und Regionen dies zu tun, zur Innenpolitik, Gesellschaftspolitik, zur Außenpolitik und Weltpolitik, denn letztlich spielen all die ineinander und sind nicht aus sich allein zu verstehen. Meldet Euch, wenn ihr es mit mir versuchen wollt, gemeinsam etwas voranzubringen. Tel: 05655-924981, Demokratische Werkstatt Wanfried (DWW)

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