Kirche bittet um Entschuldigung! Samen „ungeeignet zur Stärkung des schwedischen Volks.“ Kinder der samischen Urbevölkerung Nordeuropas wurden ihren Eltern weggenommen und in von der schwedischen Kirche geführte Internate gesteckt. Von 1913 bis 1962 führte die Kirche sogenannte Nomadenschulen, deren ideologisches Gerüst die schwedische «Theorie der Rassenbiologie» war. Man habe zu massiven Verletzungen der Menschenrechte beigetragen, erklärte die schwedische Erzbischöfin Antje Jackelen gegenüber der Tageszeitung «Dagens Nyheter» . Die Geistlichen hätten bei diesem «rassenbiologischen Projekt» mitgearbeitet, und damit bei der Unterdrückung von Sprache, Kultur und Selbstverständnis der Samen. Dafür müsse man um Entschuldigung bitten.


Selbstkritischer Blick in die Vergangenheit
Schwedens Kirche gesteht Unrecht an den Samen ein
Mit Schulen für die Urbevölkerung der Samen trug Schwedens Kirche im 20. Jahrhundert zu Segregation und Assimilation bei. In einem Weissbuch setzt sie sich nun mit dieser Vergangenheit auseinander.
  • von Rudolf Hermann, Stockholm
  • 31.3.2016, 11:00 Uhr

Im Vergleich zu anderen Urbevölkerungen, etwa jener Australiens, sind die Samen in den nordischen Staaten heute viel besser gestellt, sowohl was die gesellschaftliche Integration betrifft als auch die Institutionen, über die sie verfügen. (Bild: Imago)

Im Vergleich zu anderen Urbevölkerungen, etwa jener Australiens, sind die Samen in den nordischen Staaten heute viel besser gestellt, sowohl was die gesellschaftliche Integration betrifft als auch die Institutionen, über die sie verfügen. (Bild: Imago)

«Als ich acht Jahre alt war, ging ich von zu Hause weg, und ich bin immer noch nicht zurückgekommen» – so lautet der Titel eines Weissbuchs, das die schwedische Kirche zu veröffentlichen im Begriff ist. Und so ungefähr klingen auch die Schicksale, die in der zweibändigen Dokumentensammlung geschildert werden. Es geht um Kinder der samischen Urbevölkerung Nordeuropas auf schwedischem Gebiet, die ihren Eltern weggenommen und in von der schwedischen Kirche geführte Internategesteckt wurden. Von 1913 bis 1962 führte die Kirche sogenannte Nomadenschulen, deren ideologisches Gerüst die schwedische «Theorie der Rassenbiologie» war. Ein eugenisches Institut namens Schwedische Gesellschaft für Rassenhygiene bestand seit 1909; 1922 wurde das staatliche rassenbiologische Institut ( Statens Institut för Rasbiologi ; SIFR) gegründet.

Staatlicher Rassismus

Die Samen galten nach Herman Lundborg – dem ersten Direktor des SIFR und vielleicht bekanntesten schwedischen Rassentheoretiker – als ungeeignet zur Stärkung des schwedischen Volks. Lundborg erhielt bei seinen Reisen nach Nordschweden bereitwillige Unterstützung von der Kirche. Diese verhalf ihm zum Kontakt mit Familien, die er untersuchte, um seine Theorie zu stützen.

Bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Samen als minderwertig betrachtet, allerdings änderte sich mit der Zeit der Umgang mit ihnen. Die Nachkommen sesshafter Samen sollten an die Mehrheitsgesellschaft assimiliert werden; ihnen wurde erlaubt, an ihrem Wohnort die Volksschule zu besuchen. Die Kinder aus den halbnomadischen Familien von Rentierhirten hingegen wurden segregiert und in den Nomadenschulen mit einem vereinfachten Lehrplan erzogen, der ihnen «genügen würde». Sie sollten später die Lebensweise ihrer Eltern weiterführen und der Gesellschaft fernbleiben. Um sie für dieses Leben abzuhärten, waren die Schulen nur spartanisch eingerichtet.

Mit ihrer Rolle in dieser Epoche der schwedischen Geschichte setzt sich die Kirche nun ernsthaft auseinander. Man habe zu massiven Verletzungen der Menschenrechte beigetragen, erklärte die schwedische Erzbischöfin Antje Jackelen gegenüber der Tageszeitung «Dagens Nyheter» . Die Geistlichen hätten bei diesem «rassenbiologischen Projekt» mitgearbeitet, und damit bei der Unterdrückung von Sprache, Kultur und Selbstverständnis der Samen. Dafür müsse man um Entschuldigung bitten. Ein Zeichen dafür, dass man es damit ernst meine, liege im Bemühen, Licht in die eigene Rolle zu bringen. Betroffene Samen blicken mit Schmerz und Selbstvorwürfen auf diese Zeit zurück. Einige fühlen sich heute noch nicht in der Lage, an die Orte zurückzukehren, wo sie die Internate besuchen mussten. Im Rückblick verzeihen manche Familien sich nicht, keinen Widerstand gegen die Erniedrigung geleistet zu haben.

Wegweisendes Gerichtsurteil

Im Vergleich zu anderen Urbevölkerungen, etwa jener Australiens, sind die Samen in den nordischen Staaten heute viel besser gestellt, sowohl was die gesellschaftliche Integration betrifft als auch die Institutionen, über die sie verfügen.

Dies reflektiert sich in einem unlängst gefällten Urteil eines schwedischen Gerichts in erster Instanz, bei dem es um die Kompetenz zur Verwaltung von Jagd- und Fischereirechten in der Grossgemeinde Girjas ging: Das Amtsgericht im nordschwedischen Gällivare sprach den Samen und nicht dem Staat den Anspruch auf dieses Recht zu; und zwar mit der Begründung, dass die Samen hier seit mindestens dem 5. Jahrhundert lebten. Ihr Gewohnheitsrecht sei höher einzustufen als die Inbesitznahme des Gebiets im 16. Jahrhundert durch den schwedischen König Gustav Wasa.

Die samische Gemeinde zeigte sich euphorisch über den Erfolg, der in einem Jahre dauernden Verfahren erkämpft worden war. Vorerst handelt es sich jedoch um einen symbolischen Sieg. Der schwedische Staat hat bereits signalisiert, an die Rekursinstanz weiterzuziehen. Das Recht der Samen auf Jagd und Fischerei wird zwar nicht angezweifelt, doch will der Staat die Verwaltungskompetenz behalten. Ein nächstes Urteil ist erst in rund zwei Jahren zu erwarten. Und dann dürfte die Angelegenheit wegen ihrer Rolle als Präzedenzfall bis vor das Oberste Gericht kommen.

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Autor: demokratischewerkstatt

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