Belgiens verlorene Generation: Nährboden für Jihadismus: Jugendarbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven und gefühlte Diskriminierung! In Europas „Hauptstadt sind die Probleme lange bekannt, doch niemand übernimmt die Verantwortung für die Misere. Belgien ist das europäische Land, aus dem proportional zur Bevölkerung am meisten junge Muslime nach Syrien gezogen sind. Die erste Welle von Jihadisten kämpfte in den 1980er Jahren in Afghanistan gegen sowjetische Truppen. Spätere Generationen zogen in den Tschetschenien-Krieg oder nach der amerikanischen Invasion in den Irak. Der Regisseur Adil el-Arbi hat für seinen neuen Film auch mit Jugendlichen aus Molenbeek zusammengearbeitet. Ihr Film „Black“ handelt von Straßenbanden in Brüssel, eine davon aus dem Viertel Molenbeek, und beruht auf einer wahren Begebenheit. Was fördert diese Jugendgewalt? Es ist ein spezielles Gefühl aus Langeweile, Perspektivlosigkeit und der Erfahrung, zurückgewiesen zu werden, also nicht dazuzugehören. Da bieten geschlossene Gruppen mit klaren hierarchischen Strukturen einen festen Halt. Die Jugendlichen sind in einer Identitätskrise. Sie fühlen sich weder in Marokko noch im Kongo daheim. Aber sie sind auch nicht zu Hause in Belgien. Und dann kommt eine Gruppe, eine Straßenbande oder eine terroristische. Du willst als junger Mensch einer Gruppe angehören. Die Religion bietet ein Koordinatensystem, indem sie Freund und Feind unterscheidet – gläubig und ungläubig. Doch eigentlich geht es um die Erfahrung der Entwurzelung und den Wunsch nach Verankerung. Ich will keine Vergleiche ziehen, aber in den 40er-Jahren zog die Gruppendynamik viele Flamen zur Wehrmacht, in den 70er-Jahren gab es die Gewalt linksterroristischer Gruppen wie der Baader-Meinhof-Bande.

Integrationsprobleme in Brüssel
Belgiens verlorene Generation
Jugendarbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven und gefühlte Diskriminierung bieten dem Jihadismus einen Nährboden. Die Probleme sind bekannt, doch niemand übernimmt die Verantwortung für die Misere.
  • von Niklaus, Nuspliger, Brüssel
  • 2.4.2016, 08:03 Uhr

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Die meisten Bewohner von Molenbeek sind marokkanischer Herkunft. Das Strassenbild erinnert an Souks. (Bild: Stephanie Lecocq / EPA)

Es ist ein Freitag im Mai 1991. In der Brüsseler Gemeinde Forest kontrolliert die Polizei einen jungen Mann maghrebinischer Abstammung. Die Kontrolle gerät aus dem Ruder, es fallen Schüsse. Rasch versammeln sich etwa 30 junge Männer vorwiegend marokkanischer Herkunft, es kommt zu Scharmützeln mit der Polizei. Übers Wochenende verfolgt ganz Belgien gebannt die Jugendunruhen, die sich wie ein Flächenbrand auf mehrere Brüsseler Quartiere ausweiten. Bilder brennender Autos und zerborstener Schaufenster flimmern über die Bildschirme.

Belgien hatte ab den 1960er Jahren Zehntausende von Marokkanern und Türken ins Land geholt, als Arbeitskräfte in den Minen und in der Industrie. Doch erst mit den Revolten von 1991 realisierte die Bevölkerung, wie viele Nachkommen dieser «Gastarbeiter» im Land leben – und dass sich niemand um deren Integration gekümmert hat.

«Zum Sündenbock gestempelt»

25 Jahre später sitzt eine Gruppe Männer unterschiedlichen Alters in einem Tea-Room am Parvis Saint-Jean Baptiste in Molenbeek – jenem Viertel, das als Herkunftsort vieler Attentäter von Paris und Brüssel zweifelhaften Weltruhm erlangt hat. Beim Kaffee sind die Anschläge vom 22. März das bestimmende Gesprächsthema. Der Fragen der aus aller Welt angereisten Journalisten ist der 23-jährige Ahmed aber überdrüssig. Eine rechtsextreme Gruppierung hat für Samstag zu einer unbewilligten Kundgebung in Molenbeek aufgerufen, was im Tea-Room heftig diskutiert wird. Auf den Schutz der Polizei vertrauen die Männer nicht. «Wir werden von allen zum Sündenbock gestempelt», meint Ahmed. Er beschreibt ein Gefühl, das in Molenbeek verbreitet ist.

Molenbeek ist zu einem Symbol für eine gescheiterte Integrationspolitik geworden. Die zweitärmste der 19 Brüsseler Gemeinden ist zwar über weite Strecken ein heruntergekommenes altes Industriequartier, aber selbst seine berüchtigtsten Ecken sind keine «No-go-Zonen». Weder treiben hier gewalttätige Gangs am helllichten Tag ihr Unwesen, noch findet man die triste Einöde der Pariser Banlieues vor. Seinen Ruf als Ghetto hat Molenbeek der kulturellen Uniformität zu verdanken: Die meisten Einwohner sind marokkanischer Abstammung, fast alle Frauen tragen den Hijab. In den Imbissbuden, Läden und Halal-Metzgereien oder zwischen den bunten Marktständen wähnt man sich auf einem Souk in Marokko. In der Männerrunde am Parvis Saint-Jean Baptiste wird vorab arabisch gesprochen, Frauen sucht man im Tea-Room vergeblich.

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Anders als in französischen Städten sind die Ghettos in Brüssel nicht das Resultat einer ungeschickten Stadtplanung. Sie sind vielmehr organisch gewachsen und Ausdruck einer gänzlich fehlenden Stadtplanung, die etwa über den gezielten Bau von Sozialwohnungen die Durchmischung hätte fördern können. Die Integrationsprobleme beschränken sich längst nicht nur auf Molenbeek. In Brüssel spricht man von einem «croissant pauvre», das sich östlich des alten Industrie-Kanals wie ein Halbmond an die Innenstadt anschmiegt. Es sind die gleichen Quartiere, in denen die muslimischen Jugendlichen 1991 revoltierten.

Im «Zentrum West» des Jugendhauses Dbroej in Molenbeek spielen an diesem regnerischen Vormittag nur eine Handvoll Kinder und Jugendliche im Aufenthaltsraum Video-Games und Tischtennis. In den Osterferien ist das Zentrum leerer als zu Schulzeiten. «Es herrscht kein Mangel an sozialen Einrichtungen», sagt Marc Dubois, der seit 14 Jahren als Sozialarbeiter in Molenbeek tätig ist. Die Präventionsangebote können verhindern, dass junge Menschen in die Radikalisierung abgleiten. Doch ein Jugendlicher, der bereits auf dem Weg zum Jihadisten ist, wird von den Sozialarbeitern in aller Regel nicht erreicht.

Als Hauptprobleme des Quartiers bezeichnet Dubois die Armut sowie die mangelnden Investitionen in die veraltete Bausubstanz. Molenbeek gilt als Stadtteil für neue Immigranten und ist für viele eine Durchgangsstation: In den letzten zehn Jahren ist die Bevölkerung um 20 Prozent auf 100 000 Einwohner explodiert, die Behörden haben den Überblick über die genaue Zahl der Anwohner verloren. Wer den sozialen Aufstieg schafft, zieht in ein besseres Viertel, weshalb sich die Armut perpetuiert.

«Ecoles de concentration»

Die Kinder und Jugendlichen im «Zentrum West» haben durchaus Chancen, den sozialen Aufstieg zu schaffen. Das Jugendhaus Dbroej ist von der flämischen Regionalregierung subventioniert, weshalb es nur Kindern offensteht, die niederländisch sprechen. Etwa jede dritte öffentliche Schule in Molenbeek ist niederländischsprachig. Eltern, welche die administrativen Hürden überwinden können, versuchen ihre Kinder in eine solche Schule zu schicken. Die frankofonen Unterrichtsstätten in den Brüsseler Problemquartieren gelten als «écoles de concentration» – also als Schulen, in denen sich die sozialen Probleme konzentrieren. Der Lehrplan ist nicht auf Klassen mit fast 100 Prozent Kindern mit Migrationshintergrund ausgerichtet.

25 Jahre nach den Jugendunruhen von 1991 ist zwar die politische Integration der Nachkommen muslimischer Einwanderer vollzogen, die erleichterte Einbürgerung ist längst Tatsache. Schlecht steht es aber um die wirtschaftliche Integration. Anne Thomas von der Organisation Actiris, die in der Region Brüssel mit der Arbeitsmarktpolitik betraut ist, spricht von «Diskriminierungen bei der Anstellung». Für weisse Belgier (im Volksmund «belges de souche») beträgt die Arbeitslosigkeit 11 Prozent. Für Brüsseler maghrebinischer Herkunft ist sie dreimal höher.

Laut Anne Thomas gäbe es im 1,3 Millionen Einwohner zählenden Brüssel genug Jobs, doch es fehlt an Arbeitsplätzen für Jugendliche ohne Mittelschulabschluss. Für Stellen in der Verwaltung und im Dienstleistungssektor sind Französisch-, Niederländisch- und oft auch Englisch-Kenntnisse erforderlich. Die Folge: Aus dem ganzen Land pendeln Belgier nach Brüssel zur Arbeit, doch wer in der Hauptstadt eine «école de concentration» besucht hat, bleibt aussen vor. Ganz untätig geblieben ist die Politik nicht. Es gibt Kampagnen gegen die Diskriminierung, und wer sich bei der Brüsseler Arbeitsmarktbehörde anmeldet, erhält heute die Garantie, dass er innert sechs Monaten einen Job, ein Praktikum oder eine Ausbildung findet. In Molenbeek sank die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 2014 und 2015 von 38 auf 34 Prozent. Doch das Steuer herumzureissen, ist eine Generationenaufgabe.

Hohe Jugendarbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven und gefühlte Diskriminierung bieten einen Nährboden für den Jihadismus. Doch als Erklärungsmuster greifen diese Faktoren viel zu kurz, wie das Beispiel der Gemeinde Saint-Josse-ten-Noode zeigt. In keiner anderen der 19 Brüsseler Gemeinden sind die Kriminalitätsrate und die Arbeitslosenzahlen höher, nirgendwo ist das Durchschnittseinkommen tiefer. Obwohl in Saint-Josse-ten-Noode fast jeder zweite Bewohner marokkanischer oder türkischer Abstammung ist, hat die Gemeinde kein Jihadismus-Problem. An einer Hand abzählen lasse sich die Zahl «seiner» Jugendlichen, die nach Syrien gezogen seien, erklärt Bürgermeister Emir Kir.

Kir, ein Sozialdemokrat türkischer Abstammung, stellt sich gerne als unbürokratischer Macher dar. Er hat im Rotlichtviertel hinter dem Nordbahnhof die Kontrollen für die Schaufenster-Bordelle verschärft. Und er hat sich geweigert, auf Empfehlung der Bundesregierung einen Anti-Radikalisierungsbeamten zu ernennen: «Der Kampf gegen die Radikalisierung ist Aufgabe der ganzen Gemeinde.» Kir setzt auf ein Netz von 100 Präventions-Fachleuten, die in den Strassen präsent sind und individuellen Kontakt mit den Jugendlichen suchen. Die Gemeinde gibt jungen Einwohnern Gratis-Checks für die Mitgliedschaft in Sport-Clubs. Und die Strassen werden zweimal pro Tag gereinigt – der Bürgermeister glaubt an die Signalwirkung eines sauberen öffentlichen Raums.

Zuständigkeiten verteilt

Es sind auch strukturelle Faktoren, die den Kampf gegen die Radikalisierung in Saint-Josse begünstigen. Die Gemeinde ist klein, und sie grenzt ans Europaviertel – was zeigt, wie nahe in Brüssel gegensätzliche Strassenzüge mit unterschiedlichster sozialer Struktur beieinanderliegen. Zudem ist die Bevölkerung in Saint-Josse heterogener als in Molenbeek: Die eine Hälfte der muslimischen Einwohner ist marokkanischen, die andere türkischen Ursprungs. Unter jungen Türken gibt es praktisch keine Jihadisten. Die türkisch-belgische Gemeinschaft gilt als weniger fragmentiert als die marokkanisch-belgische. Die Biografien der Jihadisten zeugen von kriminellen Karrieren. Diese beginnen oft mit dem Handel von Haschisch, der aus dem Rif-Gebirge den Weg nach Brüssel findet, wo er von Jugendlichen marokkanischer Herkunft verkauft wird.

Der belgische Innenminister Jan Jambon hat nun einen neuen Plan der Bundesregierung für die Problemquartiere präsentiert. Er beschränkt sich auf die Entsendung zusätzlicher Polizisten, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Eine Stärkung der kompliziert organisierten Polizei ist nötig, doch mehr Repression kann nur Teil einer Antwort sein. Im komplexen politischen Gefüge Brüssels obliegt die Prävention den Kommunen, die Siedlungs- und die Arbeitsmarktpolitik der Regionalregierung und die Bildungspolitik den frankofonen und flämischen Sprachgemeinschaften. In all diesen Bereichen hatten viele Experten schon 1991 Reformen angemahnt. Doch die politische Gesamtverantwortung hat nie jemand übernommen. Seither ist eine Generation verloren gegangen.

Warum junge Belgier in den Jihad ziehen

Belgien ist das europäische Land, aus dem proportional zur Bevölkerung am meisten junge Muslime nach Syrien gezogen sind, um sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) anzuschliessen. Das Innenministerium beziffert die Zahl der Syrien-Reisenden auf knapp 500. Etwa 130 sollen nach Belgien zurückgekehrt sein, unter ihnen auch einige Attentäter von Paris und Brüssel. Als Grund für die Überrepräsentation belgischer Jugendlicher gilt unter Experten, dass das Land auf eine längere Geschichte solcher Kämpfer zurückblickt und daher bereits Rekrutierungs-Netzwerke bestehen. Die erste Welle von Jihadisten kämpfte in den 1980er Jahren in Afghanistan gegen sowjetische Truppen. Spätere Generationen zogen in den Tschetschenien-Krieg oder nach der amerikanischen Invasion in den Irak.
Der Politologe Rik Coolsaet von der Universität Gent hat in einer im März erschienenen Studie die Beweggründe belgischer Jihadisten, sich dem IS anzuschliessen, untersucht. Er kommt zum Schluss, dass bei der gegenwärtigen vierten belgischen Jihad-Welle der Religion eine viel marginalere Rolle bei der Motivation zukommt als bei den Kämpfern früherer Wellen. Coolsaet unterscheidet zwei Gruppen der neuen Jihadisten. Die erste Gruppe ist bereits in kriminellen Netzwerken aktiv. Es sind insofern nicht strenggläubige Muslime, die sich radikalisieren, sondern Kriminelle, die sich islamisieren. Die zweite Gruppe besteht aus unauffälligen Einzelgängern und sozial isolierten Jugendlichen, die übers Internet mit der IS-Ideologie in Kontakt kommen. Beiden Gruppen ist laut dem Politologen gemeinsam, dass sie keine Zukunft sähen und im IS einen Weg aus der Perspektivenlosigkeit zu erkennen glaubten. Bei allen Jihadisten seien überdies psychologische und familiäre Probleme im Spiel.

 

http://www.nzz.ch/international/integrationsprobleme-in-bruessel-belgiens-verlorene-generation-ld.11117

 

 

Belgische Jugend und der Terror
„Sie wollen dazugehören“

Brüsseler Vorstadtgang: eine Szene aus Adil el-Arbis jüngst erschienenen Film "Black"

Brüsseler Vorstadtgang: eine Szene aus Adil el-Arbis jüngst erschienenen Film „Black“

Foto:

Caviar

Der Regisseur Adil el-Arbi (27) machte zuerst von sich reden, als er das belgische Pendant zu „Wer wird Millionär“ gewann. Mittlerweile gehört er zu den profilierten Filmemachern Belgiens. Sein neuester Film „Black“ (2015), den er gemeinsam mit seinem Freund Bilall Fallah (29) drehte, erzählt von täglicher Gewalt, kleinkriminellem Dasein und von der Liebe zwischen Mavela aus dem schwarzafrikanischen Brüsseler Stadtteil Matongé und Marwan aus dem nordafrikanisch dominierten Kiez Molenbeek. Die Teenager geraten zwischen die Fronten zweier Jugendbanden.

Herr El-Arbi, die Lage war nicht einfach, Terroralarm in Brüssel, wie haben Sie diese Tage verbracht?

Die Metro fuhr nicht. Ich war die meiste Zeit zu Hause und bin anfangs höchstens mal zum Essen raus. Das ging, glaube ich, den meisten so.

Wie würden Sie die Situation in Brüssel beschreiben, die Zeitung Le Soir hat zum Wort „vivoter“ gegriffen: dahinkrebsen.

Das trifft es irgendwie ganz gut. Für gewöhnlich vibriert das Leben in Brüssel, die Stadt ist immer voll von Menschen, Touristen, Euromacs, Flamen, Wallonen, Kleinkriminelle, Künstler, alles treibt sich hier rum. Aber in den vergangenen Tagen war es leer. Brüssel war eine leblose Stadt mit einer leeren Mitte. Der Pulsschlag fehlt.

Langeweile, Zurückweisung und fehlende Persepektive

Ihr Film „Black“ handelt von Straßenbanden in Brüssel, eine davon aus dem Viertel Molenbeek, und beruht auf einer wahren Begebenheit. Was fördert diese Jugendgewalt?

Es ist ein spezielles Gefühl aus Langeweile, Perspektivlosigkeit und der Erfahrung, zurückgewiesen zu werden, also nicht dazuzugehören. Da bieten geschlossene Gruppen mit klaren hierarchischen Strukturen einen festen Halt.

In der belgischen Hauptstadt fürchteten die Kinobesitzer Ausschreitungen migrantischer Jugendlicher: Der Film „Black“ kam kurz vor den Pariser Anschlägen ins Kino, ehe Brüssel und das Viertel Molenbeek in den Fokus der Aufmerksamkeit rückten.

Der Vergleich zu Terrorgruppen liegt nahe.

Mir ist das ein bisschen zu einfach. Es gibt bei Straßenbanden Kleinkriminalität, da wird mal eine Handtasche geklaut oder ein Portemonnaie. Aber die Gewalt zielt auf einen klaren Gegner: Es ist „Black Bronx“, eine schwarzafrikanische Bande aus dem Viertel Matongé, gegen „1080“, der nordafrikanischen Bande aus Molenbeek, Gang gegen Gang, Kiez gegen Kiez. Der Terror, den wir in Paris erleben mussten, ist grenzenlos in seinen Mitteln und wahllos in seinen Zielen. Der kann jeden treffen.

Erklärt Benachteiligung allein die Wut auf die Gesellschaft?

Die Jugendlichen sind in einer Identitätskrise. Sie fühlen sich weder in Marokko noch im Kongo daheim. Aber sie sind auch nicht zu Hause in Belgien. Und dann kommt eine Gruppe, eine Straßenbande oder eine terroristische. Du willst als junger Mensch einer Gruppe angehören.

Religion als Koordinatensystem

Religion spielt dabei also eine untergeordnete Rolle?

Sie bietet ein Koordinatensystem, indem sie Freund und Feind unterscheidet – gläubig und ungläubig. Doch eigentlich geht es um die Erfahrung der Entwurzelung und den Wunsch nach Verankerung. Ich will keine Vergleiche ziehen, aber in den 40er-Jahren zog die Gruppendynamik viele Flamen zur Wehrmacht, in den 70er-Jahren gab es die Gewalt linksterroristischer Gruppen wie der Baader-Meinhof-Bande.

Ist Gewalt denn ein männliches Phänomen?

Wir wissen jetzt ja auch viel über weibliche Terroristen. Ich glaube, es ist eher eine Generationen- als eine Genderfrage. Und hier geht es um die dritte Zuwanderergeneration, die nicht zurück kann, aber nicht ankommt.

Sie haben Ihre Schauspieler auch in Molenbeek gecastet?

Wir haben festgestellt, dass das belgische Kino doch ein wenig farblos und sehr weiß dominiert ist, also haben wir uns auf die Suche gemacht, in Schulen, im Netz und auch in Jugendzentren in den Vierteln.

Wie ist das Arbeiten mit Schauspielern, die den Beruf nicht gelernt haben?

Überraschend erfrischend, sie hatten mehr Energie. Und sie wussten, worum es geht. Wir haben einige Male zu hören bekommen: „So läuft das nicht im Kiez. So sprechen die Menschen nicht.“ Das macht den Film authentisch.

Aus Sicht vieler US-Medien liegt Brüssel jetzt auf einer Achse des Bösen mit Bagdad und Kabul.

Belgistan, ich kenn das. Aber wir sind kein failed state.

Warum hat Belgien Zukunft?

Das Land ist liebenswert, gerade in seiner Vielfalt. Diese kulturelle Spannung wirkt produktiv. Flamen und Wallonen könnten alleine wenig bewirken. Und zusammen mit Brüssel ist das etwas wirklich Großes.

 

http://www.nzz.ch/international/integrationsprobleme-in-bruessel-belgiens-verlorene-generation-ld.11117

 

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Autor: demokratischewerkstatt

Ich mache bisher diese Seite allein, suche aber Partner, die ähnlich denken, die Zusammenarbeit. Ich möchte anregen aktiv zu werden und zur Belebung der Demokratie beizutragen, um Lösungen für die ungeheuren und hochgefährlichen Herausforderungen zu finden. Altes Denken reicht dazu nicht, aber wir können viel von ihm lernen, um die Möglichkeiten für neue Wege zu erkennen und zu öffnen. Ich setzt da auf die Methode der "Zukunftswerkstätten" von Robert Jungk, die er entwickelt hat, um mehr demokratische Mitwirkung zu erreichen. In Wanfried möchte ich so eine Zukunftswerkstatt mit Gleichgesinnten von überall schaffen und dann gemeinsam anregen, in mehr Städten und Regionen dies zu tun, zur Innenpolitik, Gesellschaftspolitik, zur Außenpolitik und Weltpolitik, denn letztlich spielen all die ineinander und sind nicht aus sich allein zu verstehen. Meldet Euch, wenn ihr es mit mir versuchen wollt, gemeinsam etwas voranzubringen. Tel: 05655-924981, Demokratische Werkstatt Wanfried (DWW)

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