Die Zahl der Bootsflüchtlinge, die aus Libyen nach Italien kommen, ist seit Jahresbeginn stark gestiegen. Im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten kann Italien seine Grenze zum Meer hin nicht so einfach schliessen. Es könnte Bootsflüchtlingen höchstens die Hilfe verwehren. Doch dies würde ihren sicheren Tod bedeuten – und abgesehen von einigen Hardlinern sind die meisten Italiener noch immer der Meinung, dass man Menschen in Seenot helfen müsse und dass jeder Flüchtling ein Anrecht auf ein Asylverfahren habe. Weil es sich von den anderen EU-Staaten im Stich gelassen fühlte, hat Italien in der Vergangenheit viele Flüchtlinge untertauchen und Richtung Norden weiterreisen lassen. Doch mittlerweile werden die Ankömmlinge auf Druck von Brüssel hin konsequenter registriert. Die im Gegenzug versprochene Umsiedlung von Asylbewerbern in andere Mitgliedstaaten kommt jedoch nicht vom Fleck. Ministerpräsident Matteo Renzi hat bereits gemahnt, dass die EU Italien bei einer weiteren Zuspitzung nicht wieder im Stich lassen dürfe.

Migration nach Italien

Mit dem Frühling kommen die Bootsflüchtlinge

Die Zahl der Bootsflüchtlinge, die aus Libyen nach Italien kommen, ist seit Jahresbeginn stark gestiegen. Und das Meer lässt sich nicht abriegeln wie der Landweg durch den Balkan.
  • von Andrea Spalinger, Rom
  • 1.4.2016, 18:53 Uhr

 

In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres sind 18 784 Bootsflüchtlinge in Italien angekommen. Das sind 80 Prozent mehr als in der Vorjahresperiode. (Bild: Francesco Pecoraro)

Auf dem Mittelmeer werden wieder täglich Hunderte von Bootsflüchtlingen gerettet. Am Mittwoch allein haben die italienische Küstenwache und EU-Rettungsschiffe 1361 Personen in Seenot geholfen und diese in italienische Häfen gebracht. Im Innenministerium in Rom läuten die Alarmglocken. Auf den Frühling hin hatte man wegen besserer Wetterverhältnisse zwar mit einer Zunahme des Flüchtlingsstroms gerechnet. Die jüngsten Zahlen übertreffen aber die schlimmsten Erwartungen.

In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres sind 18 784 Bootsflüchtlinge in Italien angekommen. Das sind 80 Prozent mehr als in der Vorjahresperiode. Die meisten kommen weiterhin in seeuntüchtigen Schlauchbooten und Fischkuttern aus Libyen, einige auch aus Ägypten. Die «Hochsaison» beginnt im Frühjahr; im nächsten Monat wird sich zeigen, ob der Trend anhält. Im italienischen Innenministerium befürchtet man, dass im laufenden Jahr bis zu 300 000 Migranten Italiens Küste erreichen könnten – doppelt so viele wie im vergangenen.

Zunahme um 80 Prozent

Im letzten Jahr hatte der Zustrom nach Italien wegen der Öffnung der Balkanroute leicht nachgelassen. Waren 2014 noch 170 100 Männer, Frauen und Kinder übers Mittelmeer gekommen und registriert worden, waren es im folgenden Jahr noch 153 842. Seit Anfang 2015 hat über eine Million Menschen Europa auf dem Seeweg erreicht. Die grosse Mehrheit gelangte aus der Türkei über die Ägäis nach Griechenland. Vor allem Syrer benutzten fast nur noch diesen Weg. In Italien kamen entsprechend fast nur noch Migranten aus der Subsahara und vom Horn von Afrika an. Experten befürchten, dass sich mit der Schliessung der Balkanroute der Flüchtlingsstrom aus dem Osten wieder nach Italien verlagert. Seit die EU mit der Türkei ein Rückführungsabkommen geschlossen hat, erreichen nur noch wenig Boote Griechenland.

Die Schlepper suchen derzeit nach alternativen Routen. Und verzweifelte Migranten versuchen über Facebook oder andere soziale Netzwerke zu erfahren, wie sie auf anderen Wegen noch in Richtung Nordeuropa weiterkommen könnten. Doch das ist schwierig geworden. Die Reise von Griechenland aus über das Grenzgebirge nach Albanien ist sehr beschwerlich. In Bulgarien gibt es scharfe Polizeikontrollen. Zudem machen den Flüchtlingen dort kriminelle Banden das Leben schwer. So oder so kommt man derzeit höchstens noch bis Serbien durch, denn alle anderen Staaten auf dem Balkan haben die Grenzen dichtgemacht. Auch über Russland nach Finnland schafft man es kaum mehr, seit die beiden Länder ein Grenzabkommen geschlossen haben.

Bleibt also eigentlich nur noch der Weg über Italien. Seit Monaten erwartet man hier einen neuen Ansturm vom Osten her, das heisst konkret von Albanien nach Apulien. Doch ist es dort bisher ruhig geblieben. Die Schlepper scheinen vielmehr daran zu arbeiten, Flüchtlinge direkt von türkischen Häfen aus in Fischkuttern oder auf Handelsschiffen an die italienische Küste zu bringen. Im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten kann Italien seine Grenze zum Meer hin nicht so einfach schliessen. Es könnte Bootsflüchtlingen höchstens die Hilfe verwehren. Doch dies würde ihren sicheren Tod bedeuten – und abgesehen von einigen Hardlinern sind die meisten Italiener noch immer der Meinung, dass man Menschen in Seenot helfen müsse und dass jeder Flüchtling ein Anrecht auf ein Asylverfahren habe.

Auftrieb für Rechtspopulisten

Weil es sich von den anderen EU-Staaten im Stich gelassen fühlte, hat Italien in der Vergangenheit viele Flüchtlinge untertauchen und Richtung Norden weiterreisen lassen. Doch mittlerweile werden die Ankömmlinge auf Druck von Brüssel hin konsequenter registriert. Die im Gegenzug versprochene Umsiedlung von Asylbewerbern in andere Mitgliedstaaten kommt jedoch nicht vom Fleck. Ministerpräsident Matteo Renzi hat bereits gemahnt, dass die EU Italien bei einer weiteren Zuspitzung nicht wieder im Stich lassen dürfe. Anfang Juni finden Kommunalwahlen statt, und in Regierungskreisen befürchtet man, dass das Thema Migration rechtspopulistischen Parteien Auftrieb verleihen könnte.

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Autor: demokratischewerkstatt

Ich mache bisher diese Seite allein, suche aber Partner, die ähnlich denken, die Zusammenarbeit. Ich möchte anregen aktiv zu werden und zur Belebung der Demokratie beizutragen, um Lösungen für die ungeheuren und hochgefährlichen Herausforderungen zu finden. Altes Denken reicht dazu nicht, aber wir können viel von ihm lernen, um die Möglichkeiten für neue Wege zu erkennen und zu öffnen. Ich setzt da auf die Methode der "Zukunftswerkstätten" von Robert Jungk, die er entwickelt hat, um mehr demokratische Mitwirkung zu erreichen. In Wanfried möchte ich so eine Zukunftswerkstatt mit Gleichgesinnten von überall schaffen und dann gemeinsam anregen, in mehr Städten und Regionen dies zu tun, zur Innenpolitik, Gesellschaftspolitik, zur Außenpolitik und Weltpolitik, denn letztlich spielen all die ineinander und sind nicht aus sich allein zu verstehen. Meldet Euch, wenn ihr es mit mir versuchen wollt, gemeinsam etwas voranzubringen. Tel: 05655-924981, Demokratische Werkstatt Wanfried (DWW)

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