Garance Le Caise: Bilder über die Morde des syrischen Regimes! Furchtbare Dokumente! Der IS bezieht seine Kraft aus der Unterdrückung durch Diktatur. Er entstand 2003 nach der amerikanischen Invasion im Irak und nach der Ausgrenzung der Sunniten durch das irakische Regime. Genauso ist es in Syrien. Aus der Unterdrückung eines Teils der Bevölkerung bezieht der IS seine Kraft. Niemand auf der Welt sei bereit, den Muslimen zu helfen, die vom Regime angegriffen würden. Dadurch gelang es, viele Anhänger zu gewinnen.” Und der Westen: “Was gewisse Länder im Westen nicht mögen, sind Veränderungen. Wenn sie mit arabischen Regimen militärische Kooperationen oder wirtschaftliche Vereinbarungen haben, fürchten sie bei einem Regimewechsel um ihre Geschäfte. Frankreich hat Waffengeschäfte laufen mit Abd al-Fatah as-Sisi, der in Ägypten kein demokratisches Regime führt. Man verkauft auch Waffen an Saudi-Arabien, ein Land, das Enthauptungen noch häufiger durchführt als der IS. Aber dazu äußert man sich nicht, weil man seine Geschäfte nicht gefährden möchte. Es steckt also eher wirtschaftlicher Zynismus dahinter.” Wir stimmen mit ihrer Analyse nicht in allen Punkten überein, v.a. auch ihrer Forderung Obama hätte nach dem (bis heute nicht aufgeklärten) Giftgaseinsatz intervenieren sollen und fanden die Eskalation des Westens mit seiner Forderung “Assad muss weg” imperialistisch und falsch, aber ein friedlicher demokratischer Wandel in Syrien ist nötig und sollte mit friedlichen Mitteln von der internationalen Gemeinschaft gefördert und gegen das Regime und die Milizen durchgesetzt werden. Ob Syrien damit noch als Staat zu retten ist, ist nicht sicher, er ist inzwischen auseinander gebrochen! Aber die Menschen müssen lernen friedliche in der Region zusammenzuleben und das können alle unterstützen. “Etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt nicht mehr in ihren Häusern. Millionen Syrer befinden sich auf der Flucht. Drei bis vier Millionen haben das Land verlassen. Noch einmal so viele sind innerhalb des Landes geflohen. Häuser kann man aufbauen. Aber wenn die Beziehungen innerhalb der Familien, zwischen Nachbarn oder den Bewohnern eines Viertels zerstört sind, weiß ich nicht, was noch Hoffnung geben kann.” Anders als die Autorin glauben wir, dass im Westen einflussreiche Kräfte, v.a. auch aus dem Rohstoffsektor und dem militärisch-industriellen Komplex keine demokratischen Staaten im Nahen Osten haben wollen, sondern aus Eigeninteresse intervenieren aus globalstrategischen Gründen und wirtschaftlichen Interessen. Im Iran hat der Westen die Demokratie zerstört, als die frei gewählten Vertreter der Iraner ihre Rohstoffe für sich nutzen und BP entziehen wollten. Das hat der CIA inzwischen zugegeben! Einen Westen, der Demokratisierung nicht nur in Worten unterstützt, den müssen wir erst noch schaffen; das setzt voraus, das in seinen Ländern andere Kräfte vorherrschen, die nicht mehr Profit und Vorherrschaft, sondern eine gleichberechtigte Welt, der der das Wohlergehen der „Kleinen Leute“ das Ziel ist. Wir sollten uns das vornehmen!

 

Garance Le Caisne:

„Zu kompliziert einzugreifen“

INTERVIEW RUTH RENÉE REIF

Syrien-Expertin Le Caisne:  "Der IS bezieht seine Kraft aus der Unterdrückung."

10. April 2016

In „Codename Caesar“ berichtet die Journalistin von Assads Foltersystem und „Caesars“ Bemühungen, ein Ende dieses Mordens zu erwirken

 

STANDARD: „Caesar“, so sein Deckname, hat als Fotograf der syrischen Militärpolizei die Verbrechen Assads an seinem Volk dokumentiert. Er schmuggelte die Fotos außer Landes. Ihre Echtheit wurde bestätigt, und sie wurden der Weltöffentlichkeit vorgelegt. Sie haben Caesar, der 2013 aus Syrien floh und sich versteckt hält, getroffen. Wie geht es ihm? Le Caisne: Caesar ist enttäuscht von der Tatenlosigkeit der internationalen Gemeinschaft. Er fragt sich, wozu er sein Leben und das seiner Angehörigen all den Gefahren ausgesetzt hat. Doch es stellte sich für ihn keine Wahl. Vielleicht hatte er eine zu naive Vorstellung von Weltpolitik. Er dachte, wenn er diese Fotos vorlegt, würde Assad sofort gestürzt werden. Tatsächlich ist es auch im Westen befremdlich, warum die Täter nicht strafrechtlich belangt werden. Caesar musste zeitweilig fürchten, dass die westlichen Regierungen wieder Kontakt mit Assad aufnehmen, weil sie den Kampf gegen die Terrororganisation „Isalmischer Staat“ als wichtiger ansehen als die Verbrechen des Regimes.

STANDARD: Die syrische Schriftstellerin Samar Yazbek bezeichnete es als Heuchelei, wenn der Westen davon spreche, den IS zu bekämpfen. Das von Assad an seinem Volk verübte Blutvergießen sei ein Versagen des Gewissens der Welt … Le Caisne: Das ist ein großes Versagen der Menschlichkeit. Was in Syrien geschieht, betrifft die ganze Welt. Unser Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian erklärte nach den Attentaten vom 13. November in Paris, dass der IS unser Problem sei und nicht das syrische Regime. Denn der IS agiere auf unserem Boden. Das ist eine unhaltbare Einstellung. Ob ich Syrerin bin oder Französin, menschliche Werte gelten für alle. Der IS bezieht seine Kraft aus der Unterdrückung durch Diktatur. Er entstand 2003 nach der amerikanischen Invasion im Irak und nach der Ausgrenzung der Sunniten durch das irakische Regime. Genauso ist es in Syrien. Aus der Unterdrückung eines Teils der Bevölkerung bezieht der IS seine Kraft. Es trifft auch nicht zu, dass der IS uns auf unserem Boden bedroht. Der IS bedroht alle. Bei den Anschlägen in Paris starben 130 Menschen. Das ist enorm. Man sollte darüber aber nicht vergessen, dass es 260.000 Tote in Syrien gab, Opfer des Regimes und des IS.

STANDARD: Wie ist es zu erklären, dass die internationale Gemeinschaft vor den Geschehnissen in Syrien die Augen verschließt? Le Caisne: Es ist sogar noch schlimmer. Die internationale Gemeinschaft weiß, dass diese Verbrechen stattfinden. Die Uno hat die Verbrechen anerkannt. Vor einigen Wochen gab sie einen Bericht heraus. Sie bestätigte unabhängig der Fotos von Caesar die Folterungen und Morde. Aber die internationale Gemeinschaft kümmert sich nicht darum. Es ist für sie zu kompliziert einzugreifen. Syrien ist ein souveräner Staat, Assad ein gewählter Präsident. Auch wenn er nicht demokratisch gewählt wurde. Hinzu kommt, dass er und seine Frau uns gleichen. Seine Frau ist schön, trägt keinen Schleier. Die beiden treten „zivilisiert“ auf. Da fällt es viel schwerer als bei IS-Mitgliedern, die ihre Verbrechen in sozialen Netzwerken zur Schau stellen, die Barbarei zu sehen.

STANDARD: Sie berichten, dass Barack Obama nicht bereit war, Caesar zu empfangen. Dabei machen Nahostexperten ihn mitverantwortlich für das Geschehen in Syrien. Haben Sie eine Erklärung? Le Caisne: Ich würde nicht sagen, dass Obama mitverantwortlich ist. Die Verantwortung trägt das syrische Regime. Aber Obama beging einen Fehler, als er im August 2013 nach dem Giftgasangriff nicht intervenierte. Er war gewählt worden, um den US-Interventionen im Nahen Osten ein Ende zu setzen. Aber es hatte fatale Folgen. Bereits im September erfolgte die erste Rekrutierungswelle des IS. Die Organisation trat als einziger Verteidiger der Muslime auf. Niemand auf der Welt sei bereit, den Muslimen zu helfen, die vom Regime angegriffen würden. Dadurch gelang es, viele Anhänger zu gewinnen.

STANDARD: Putin unterstützt Assad. Welche Interessen hat Russland? Le Caisne: Russland hat einen Marinestützpunkt in Tartus. Darum hat es militärisch eingegriffen. Es benötigt ihn, weil es von seinem Territorium aus nicht ins Mittelmeer gelangen kann. Außerdem war Syrien lange ein Hauptabnehmer russischer Rüstungsgüter. Und schließlich ist Syrien für Russland wichtig, um der Welt zu zeigen, dass es eine Supermacht ist und die anderen Staaten es bei Entscheidungen nicht außen vor lassen können. Russland steckt in einer Wirtschaftskrise, und Syrien dient dazu, von inneren Problemen abzulenken.

STANDARD: Wie beurteilen Sie das Argument, ein Sturz Assads berge die Gefahr, dass Syrien auseinanderbreche und wir vor einer Situation stünden wie in Libyen? Le Caisne: Dieses Argument kam nach der Revolution von 2011 auf. Es ist ein Versuch, Assad zu retten. Aber es ist kein zulässiges Argument. Syrien ist längst auseinandergebrochen. Ein Teil des Landes wird von Vertretern des Regimes kontrolliert, ein Teil von Islamisten, ein Teil von Kurden und ein kleiner Teil von gemäßigten bewaffneten Rebellen. Die verschwinden zunehmend. Sie sind im Visier von IS und Regime.

STANDARD: „Die Welt warf die wirklichen Revolutionäre und die Jihadisten in einen Topf“, zitieren Sie ein Gründungsmitglied der Syrischen Nationalbewegung. Wollte Assad das erreichen? Le Caisne: Ja, Assad wollte, dass die Demonstranten für Terroristen gehalten werden. Darum befreite er 2011 Jihadisten aus dem Gefängnis. Syrer, die gegen die amerikanische Armee im Irak gekämpft hatten, wurden bei ihrer Rückkehr nach Syrien von Assad ins Gefängnis geworfen. Als die Revolution ausbrach, ließ Assad sie frei. Sie füllten die Reihen der Nusra-Front auf. Diese Gruppe ist mit Al-Kaida verbunden und sympathisiert auch mit dem IS. Für Assad war das ein Weg zu zeigen, dass die Alternative zu ihm nur das Chaos sein kann. Damit erhob er die Forderung, ihn zu unterstützen und nicht die Revolutionäre. In gewissen Momenten gelang ihm diese Politik. Da kam es in der öffentlichen Meinung zu einer Konfusion zwischen den Revolutionären und den Terroristen.

STANDARD: Der aus Syrien stammende Schriftsteller Rafik Schami äußerte den Verdacht, dass im Westen kein Interesse an einem demokratischen Syrien bestehe … Le Caisne: So weit würde ich nicht gehen. Was gewisse Länder im Westen nicht mögen, sind Veränderungen. Wenn sie mit arabischen Regimen militärische Kooperationen oder wirtschaftliche Vereinbarungen haben, fürchten sie bei einem Regimewechsel um ihre Geschäfte. Frankreich hat Waffengeschäfte laufen mit Abd al-Fatah as-Sisi, der in Ägypten kein demokratisches Regime führt. Man verkauft auch Waffen an Saudi-Arabien, ein Land, das Enthauptungen noch häufiger durchführt als der IS. Aber dazu äußert man sich nicht, weil man seine Geschäfte nicht gefährden möchte. Es steckt also eher wirtschaftlicher Zynismus dahinter.

STANDARD: Mittlerweile ist Syrien so zerstört, dass man sich nicht vorstellen kann, wie das Land wieder bewohnt werden soll. Sie haben Syrien oft bereist. Ihr Eindruck? Le Caisne: Wenn man als Journalist das Land bereist, kommt man nur in gewisse Gebiete. Darauf muss man achten bei den Fotos, die man aus Syrien gezeigt bekommt. Die schrecklichen Bilder aus Homs etwa, die in der zweiten Märzwoche kursierten, zeigten nur die zerstörten Stadtteile. Ganz Homs ist nicht zerstört. Aber selbst wenn Syrien in Ruinen liegt, kann es wieder aufgebaut werden. Weitaus schlimmer ist der Wille des Regimes, die konfessionelle Mischung zu zerstören. Etwa die Hälfte der Bevölkerung lebt nicht mehr in ihren Häusern. Millionen Syrer befinden sich auf der Flucht. Drei bis vier Millionen haben das Land verlassen. Noch einmal so viele sind innerhalb des Landes geflohen. Häuser kann man aufbauen. Aber wenn die Beziehungen innerhalb der Familien, zwischen Nachbarn oder den Bewohnern eines Viertels zerstört sind, weiß ich nicht, was noch Hoffnung geben kann.

STANDARD: Wie beurteilen Sie das Verhalten der europäischen Länder gegenüber Flüchtlingen, gegen die man Zäune errichtet? Le Caisne: Das ist beunruhigend, nicht nur für die Syrer. Es wirft die Frage auf, wofür Europa heute steht. Wir wollten einmal ein soziales, menschliches Europa bauen. Das Gegenteil ist es jetzt geworden. Zentraleuropa schlittert in eine Identitätskrise. Das kann für die Zukunft sehr verhängnisvoll sein. Diese Flüchtlinge sind auch eine Prüfung für Europa. (Ruth Renée Reif, Album, 10.4.2016) Garance Le Caisne ist französische Journalistin. Sie schreibt für „Le Journal du Dimanche“ und „L’Obs“. – derstandard.at/2000034461591-3854/Garance-Le-Caisne-Zu-kompliziert-einzugreifenen

Dazu noch ein Artikel aus der FAZ von 2012:

SyrienUnd ihr denkt, es geht um einen Diktator

Die Reaktionen auf den Syrien-Konflikt offenbaren die geopolitische Ahnungslosigkeit mancher deutscher Kommentatoren: Zehn Minuten Nachhilfe aus gegebenem Anlass können nicht schaden.

24.07.2012, von HANS-CHRISTOF KRAUS

© AFPBlutiger Diktator? Folgt man der Darstellung des Konflikts in weiten Teilen der westlichen Welt, dann scheint es sich lediglich um die Frage zu handeln, ob es gelingt, die syrische Bevölkerung von Assad zu befreien

Man kann nur staunen über das Ausmaß an fast schon sträflicher Naivität oder auch nur schlichter Ignoranz, das viele Beurteiler der Syrien-Krise an den Tag legen, vor allem, wenn es darum geht, die Hintergründe für das zähe Tauziehen im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zwischen Amerika und den westlichen Mächten einerseits, Russland und China andererseits aufzuhellen. Folgt man der Darstellung des Konflikts in weiten Teilen der westlichen Welt, dann scheint es sich lediglich um die Frage zu handeln, ob es gelingt, die syrische Bevölkerung von einem blutigen Diktator zu befreien. Vor allem in Deutschland scheint die Unkenntnis, mit der diese Auseinandersetzung derzeit diskutiert wird, grenzenlos zu sein – bis hin zu einer angeblichen, allerdings nicht bestätigten Anfrage an die russische Regierung, ob sie bereit wäre, Assad im Falle seines Sturzes in Russland Asyl zu gewähren.

Dabei geht es um vollkommen andere Probleme. Die Konfliktlinien verlaufen dort, wo sie von fast allen deutschen Beobachtern nicht einmal mehr wahrgenommen werden, und zwar vor allem deshalb, weil man in unserem Land verlernt hat, in weltpolitischen und geostrategischen Kategorien zu denken. Ob die Syrer, in weltpolitischer Sicht gesehen, derzeit oder künftig von einem Diktator aus dem Hause Assad, von einer demokratischen oder sich als demokratisch inszenierenden Regierung oder auch von einem radikal muslimischen Regime regiert werden, ist aus der Perspektive geostrategischer Erwägungen zuerst einmal gleichgültig.

Eine Einteilung in „Weltinsel“ und „Herzland“

Als um und nach 1900 die Welt, die gesamte Landoberfläche des Globus, aufgeteilt und zumeist unter die politische Oberherrschaft der Europäer und Amerikaner gestellt worden war, entwickelten die geostrategischen Denker der damaligen Zeit ein vollkommen neues Bild künftiger Weltpolitik. Die Angelsachsen hatten, obwohl gerade sie unangreifbar erschienen, jetzt zum ersten Mal Anlass, um ihre Weltstellung fürchten zu müssen. Der britische Geograph und Politiker Halford Mackinder entwickelte kurz vor dem Ersten Weltkrieg seine außerordentlich folgenreiche Lehre von der Unterlegenheit der maritimen Weltmächte.

Funeral for victims of attack in Damascus© DPAVergrößernBeerdigung der Opfer eines Anschlags in Damaskus: Folgt man Darstellungen des Konflikts in der westlichen Welt, handelt es sich meist um die Frage, ob es gelingt, die syrische Bevölkerung von einem blutigen Diktator zu befreien

Hatte bis dahin das Diktum des amerikanischen Militärtheoretikers Alfred T. Mahan von der Unangreifbarkeit global agierender Seemächte gegolten, so machte Mackinder die Gegenrechnung auf: In seiner neuen Analyse der Landoberfläche des Globus ordnete er die Seemächte dem „äußeren insularen Bereich“ zu, während er Europa, Asien und Afrika als gigantischen Großkontinent auffasste, den er die „Weltinsel“ nannte. Kern dieser Weltinsel war das „Herzland“ („pivot area“), das er in Nord- und Mittelasien verortete. Hier und im Umfeld des „Herzlandes“ seien sieben Achtel der Weltbevölkerung angesiedelt, auch befinde sich in diesem Gebiet der bei weitem größte Anteil der auf der Erde verfügbaren Rohstoffe. Künftige Herrscher der Welt könnten daher nicht mehr die angelsächsischen Seemächte sein, so Mackinders Schlussfolgerung, sondern eventuell diejenige Macht (oder Mächtegruppierung), die in der Lage sei, das Herzland vollständig unter die eigene Kontrolle zu bringen.

Debatte um die weltpolitisch entscheidende Region der Erde

Das starke angelsächsische Misstrauen gegen die kommunistische Sowjetunion in der Zwischenkriegszeit, aber anschließend auch der unerbittliche, bis zum Ziel der bedingungslosen Kapitulation geführte Kampf Amerikas und Großbritanniens gegen die beiden das Herzland von Westen und Osten bedrohenden Achsenmächte Deutschland und Japan sind nur vor dem Hintergrund dieser geopolitischen Konzeption zu verstehen: Der Albtraum einer von Deutschland und Japan gemeinsam oder schlimmstenfalls sogar von Deutschland allein kontrollierten „pivot area“ im Herzen Eurasiens musste mit allen Mitteln verhindert werden. Hierin bestand das erste und wichtigste Kriegsziel Roosevelts und Churchills, dem alles andere untergeordnet wurde.

Noch vor Kriegsende wurde die Lehre Mackinders von der Bedeutung des Herzlandes weiterentwickelt und etwas abgewandelt. Nicholas Spykman, bedeutendster amerikanischer Geopolitiker seiner Zeit, entwickelte schon während des Krieges die Theorie, dass nicht eigentlich das Herzland, sondern dessen Randgebiet, das „Randland“ („rimland“), die weltpolitisch entscheidende Region der Erde sei: Dieses „rimland“ erstreckt sich von Skandinavien über Mittelosteuropa, die Türkei, die arabischen und vorderasiatischen Länder und Indien bis hin nach Indochina, Korea, Ost- und Nordchina. Hier sei die wirklich entscheidende Region der Weltinsel, des gesamten eurasiatischen Kontinents also, zu finden, und wem es gelinge, dieses Randland mit seinen ungeheuren Menschenmassen und seinen unerschöpflichen Rohstoffen unter die eigene Kontrolle zu bringen, sei der Herr der Erde oder könne zumindest den anderen Mächten, gerade auch den traditionellen Seemächten, seinen Willen aufzwingen.

Interventionsverbot für raumfremde Mächte?

Nicht zuletzt auf der Voraussetzung dieser grundlegenden Analysen des bereits 1943 verstorbenen Spykman wurde es nach dem Krieg die geopolitische Staatsräson der Vereinigten Staaten, den traditionellen Isolationismus endgültig aufzugeben, dafür aber fortan aktive Weltpolitik zu treiben. Für die Ära des Kalten Krieges jedenfalls lässt sich sagen, dass fast alle der Hauptkonfliktlinien zwischen Ost und West in den Regionen jener breiten „Randland“-Zone zwischen Finnland im Westen, Korea im Osten gelegen haben. Zwar nicht alle, aber doch die meisten Kriege der Nachkriegszeit, vom Koreakrieg über die Nahost- und die Golfkriege bis hin zum Vietnamkonflikt haben sich in genau dieser Zone abgespielt.

Die geopolitisch-völkerrechtliche Gegentheorie zu Mackinder und Spykman ist fast noch älter; im Kern ist sie bereits in der amerikanischen Monroe-Doktrin von 1823 zu finden; mit der Titelformulierung einer berühmten Schrift des zwanzigsten Jahrhunderts, erschienen während des Zweiten Weltkriegs, kann man sie als „Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte“ (Carl Schmitt) bezeichnen. Dieses Modell hat in seiner Entstehungszeit freilich nicht funktioniert; und gerade mit Blick auf die Bedeutung des Herz- und des Randlandes haben die Amerikaner ein Interventionsverbot außerhalb der eigenen amerikanischen Hemisphäre (jedenfalls dann, wenn es gegen die eigenen Interessen gerichtet war) weder anerkannt noch respektiert.

Es geht nicht vorrangig darum, der syrischen Bevölkerung zu helfen

Im Gegenteil: Sie haben auch nach 1945 immer wieder gerade dort interveniert, wo es ihnen erforderlich schien, die eigene Machtstellung konsequent zu stärken. Nicht zuletzt der Ölreichtum und die auch strategisch entscheidend wichtige Lage der Region zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Arabischen Meer haben gerade dieses Gebiet zu einem Hauptaktionsfeld amerikanischer Außenpolitik werden lassen, bis hin zum letzten Irak-Krieg, zur Besetzung Afghanistans und zu den undurchsichtigen, völkerrechtlich jedenfalls in keiner Weise legitimierbaren Aktionen im nordöstlichen Pakistan.

Obama© DAPDVergrößernDie Vereinigten Staaten haben auch nach 1945 immer wieder gerade dort interveniert, wo es ihnen erforderlich schien, die eigene Machtstellung konsequent zu stärken

Der aktuelle Konflikt um ein Eingreifen oder Nicht-Eingreifen in den syrischen Bürgerkrieg ist deshalb so brisant, weil sich in dieser Frage der Gegensatz zwischen zwei radikal unterschiedlichen geostrategischen und weltpolitischen Konzeptionen manifestiert. Den Amerikanern und der westlichen Seite geht es nicht oder nicht vorrangig darum, der bedauernswerten syrischen Bevölkerung zu helfen, sondern um Einflussnahme auf die Neugestaltung des Landes nach einem voraussichtlichen Sturz des derzeitigen Regimes, obwohl man mit diesem bisher stets gut zusammenarbeiten konnte. Mehrere, seit längerem geplante, für den Westen wichtige Öl- und Gaspipelines stehen auf dem Spiel, die Saudi-Arabien und Qatar mit dem östlichen Mittelmeerraum und der Türkei verbinden und deshalb partiell durch syrisches Gebiet führen sollen.

Das Blatt hat sich gewendet

Russen und Chinesen nehmen die gegenteilige Perspektive ein. Die russische Militärbasis am Mittelmeer, im syrischen Hafen Tartus gelegen, steht ebenfalls auf dem Spiel – wie die allgemeine machtpolitische Stellung Moskaus und Pekings im nahöstlich-vorderasiatischen Raum. Der Blick auf einen möglichen militärischen Konflikt zwischen Israel und Iran macht es für die beiden größten Mächte Asiens unabdingbar, hier präsent zu sein.

Noch ist nicht vorauszusehen, welche von beiden Seiten sich durchsetzen wird, denn auch die Amerikaner haben schon häufiger UN-Resolutionen missachtet, wenn ihnen dies zur Förderung ihrer eigenen Interessen notwendig erschien. Den unerklärten Krieg gegen den Irak, der zum Sturz des Regimes von Saddam Hussein führte, haben Moskau und Peking höchst widerwillig hinnehmen müssen – am Ende nur deshalb, weil sie es nicht wagen konnten, der zeitweilig einzigen hochgerüsteten Weltmacht entschiedener entgegenzutreten. Heute hat sich das Blatt gewendet: Aufgrund schwerer hausgemachter wirtschaftlicher Probleme, die mit einem weit überdehnten außen- und militärpolitischen Engagement zusammenhängen, befinden sich die Vereinigten Staaten in einer deutlich geschwächten Position. Ihr militärisches Eingreifen in Syrien erscheint schon aus diesem Grund als kaum wahrscheinlich.

Die Würfel sind noch nicht gefallen

Insofern muss die Regierung in Washington das inzwischen dreimal hintereinander ausgesprochene Veto Pekings und Moskaus, mit der eine UN-Resolution gegen das syrische Regime verhindert wird, als ernste Warnung auffassen. Wie es scheint, sehen sich China und Russland in einem gemeinsamen Kondominat über den südasiatischen Raum, und ihr striktes Nein gegen ein Eingreifen der westlichen Mächte in Syrien kann sehr wohl im Sinne einer politisch-völkerrechtlichen Doktrin eines wenigstens angedeuteten Interventionsverbots für raumfremde Mächte, womit vor allem Amerika gemeint ist, gesehen werden. Die Regierung in Washington wiederum wird ein solches Verbot, wäre es denn ernst gemeint, kaum akzeptieren können, denn in der Konsequenz würde dies den endgültigen Verzicht auf politisch-ökonomische Einflussnahme, eventuell sogar auf militärisches Eingreifen in den Regionen des „Randlandes“ bedeuten. Washington kann schon aus ureigenem Interesse jene eurasiatischen Randregionen nicht ihrem Schicksal – und schon gar nicht den beiden asiatischen Weltmächten – überlassen.

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Insofern kann man am Ausmaß, am Verlauf und an den, wie abzusehen ist, schon bald eintretenden Folgen des Syrien-Konflikts wie in einem Brennspiegel die gegenwärtige Verteilung weltpolitischer Machtpotentiale ablesen. Die Würfel sind noch nicht gefallen. Aber die geostrategischen Global Player halten sie bereits in der Hand.

 

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/syrien-und-ihr-denkt-es-geht-um-einen-diktator-11830492.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

 

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Autor: demokratischewerkstatt

Ich mache bisher diese Seite allein, suche aber Partner, die ähnlich denken, die Zusammenarbeit. Ich möchte anregen aktiv zu werden und zur Belebung der Demokratie beizutragen, um Lösungen für die ungeheuren und hochgefährlichen Herausforderungen zu finden. Altes Denken reicht dazu nicht, aber wir können viel von ihm lernen, um die Möglichkeiten für neue Wege zu erkennen und zu öffnen. Ich setzt da auf die Methode der "Zukunftswerkstätten" von Robert Jungk, die er entwickelt hat, um mehr demokratische Mitwirkung zu erreichen. In Wanfried möchte ich so eine Zukunftswerkstatt mit Gleichgesinnten von überall schaffen und dann gemeinsam anregen, in mehr Städten und Regionen dies zu tun, zur Innenpolitik, Gesellschaftspolitik, zur Außenpolitik und Weltpolitik, denn letztlich spielen all die ineinander und sind nicht aus sich allein zu verstehen. Meldet Euch, wenn ihr es mit mir versuchen wollt, gemeinsam etwas voranzubringen. Tel: 05655-924981, Demokratische Werkstatt Wanfried (DWW)

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