Wir liefern Waffen in Kriegsgebiete und dann wundern wir uns, warum die Flüchtlinge kommen“, sagt der Historiker und Friedensforscher Dr. phil. Daniele Ganser, Leiter des Swiss Institute for Peace and Energy Research (www.siper.ch). Der Irakkrieg (1 Mio. Tote!) und viele andere Kriege seien Erdölbeutezüge. Eine Energiewende hin zu 100% Erneuerbaren sei nicht dringend, sondern wichtig – und möglich. Es brauche einen Bewusstseinswandel, friedliche Konfliktlösung, Respekt für die UNO-Charta und eine Medienrevolution, so Ganser. Ein Gespräch über die Zukunft der Welt.

 

 

Daniele Ganser

Daniele Ganser (* 29. August 1972 in Lugano) ist ein Schweizer Publizist und Historiker. Ganser wurde mit seiner 2005 veröffentlichten Dissertation über „NATO-Geheimarmeen“ bekannt und veröffentlicht unter anderem Untersuchungen zum globalen Fördermaximum von Erdöl. Er greift Verschwörungstheorien zum 11. September 2001 auf und stellt sie als von Historikern zu prüfende Erklärungsansätze dar.

Leben

Ganser besuchte zwölf Jahre die Rudolf-Steiner-Schule in Basel, dann das dortige Holbein-Gymnasium. Er machte 1992 seine Matura und leistete im selben Jahr seinen Militärdienst bei der Schweizer Armee.[1]Dann studierte er nach eigenen Angaben an den Universitäten Basel und Amsterdam sowie an der London School of Economics and Political Science Geschichte, Internationale Beziehungen, Philosophie und Englisch.[2]

Nach seinem Studienabschluss 1998 war Ganser von 2001 bis 2003 Senior Researcher beim wirtschaftsliberalen Think Tank Avenir Suisse, zuständig für Wirtschaftsgeschichte und Politikgeschichte. Er leitete die Kampagne von Avenir Suisse zum Beitritt der Schweiz zur UNO. Von 2003 bis 2006 war Ganser Senior Researcher am Center for Security Studies der ETH Zürich und forschte in Zusammenarbeit mit demEidgenössischen Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) zum Einfluss der Globalisierung auf die Menschenrechte. Von 2007 bis 2010 leitete Ganser am Historischen Seminar der Universität Basel das Forschungsprojekt „Peak Oil“ zum globalen Kampf um Erdöl und zur Versorgungssicherheit der Schweiz.[3] Er ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Wirtschaftsverbandes Swisscleantech.[4]

Als seine Forschungsthemen nennt Ganser internationale Zeitgeschichte ab 1945, „verdeckte Kriegsführung und Geostrategie“, „Geheimdienste und Spezialeinheiten“, „Peak Oil und Ressourcenkriege“ sowie „Globalisierung und Menschenrechte“.[5] 2011 gründete er die Aktiengesellschaft SIPER Swiss Institute for Peace and Energy Research AG, die er als Verwaltungsrat leitet.[6] Nach Eigenangaben befasst sich die SIPER AG unter anderem mit Staatsterrorismus und Kriegspropaganda. Als ihre Ziele nennt sie eine gänzlich regenerative Energieversorgung und gewaltfreie Konfliktlösungen. Sie bietet Vorträge, Aufsätze, Bücher und Interviews Gansers an.[7]

Ganser ist seit 2012 Dozent an der Universität St. Gallen und unterrichtet zusammen mit Rolf Wüstenhagen das Modul „Geschichte und Zukunft von Energiesystemen“.[8] Zudem unterrichtet Ganser einen Tag im Jahr im Studiengang „Interdisziplinäre Konfliktanalyse und Konfliktbewältigung“ an der Universität Basel.[9]

Daniele Ganser hat eine Tochter und einen Sohn. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Basel.[10]

Kuba-Krise 1962

2000 erschien Gansers Buch Reckless Gamble (deutsche Ausgabe 2006), mit dem er sein Lizenziat erworben hatte. Darin deutete er Tätigkeiten der CIA gegenüber den Vereinten Nationen in der Kuba-Krise von 1962 als Sabotage am UN-Sicherheitsrat und der UN-Generalversammlung durch verdeckte Kriegsführung.[11]

NATO-Geheimarmeen

Nach Gansers Angaben empfahl der US-Schriftsteller William Blum ihm Operation Gladio als Anschlussthema für seine angestrebte Promotion.[12] Ab 1998 forschte er an der Universität Basel und an der London School of Economics and Political Science zum Thema NATO-Geheimarmeen und inszenierter Terrorismus in Europa im Kalten Krieg. Im September 2001 promovierte er bei Georg Kreis in Basel mit insigni cum laude über dieses Thema.[13][14] Nach seinen Angaben unterstützte Noam Chomsky ihn laufend bei der Fertigstellung der Doktorarbeit.[15] Ein Interview mit Ganser zum Thema seiner Doktorarbeit erschien 2012 neben einem Interview mit Noam Chomsky in einer Interviewsammlung zum Thema Staatsterrorismus der USA.[16]

2005 veröffentlichte Ganser seine Doktorarbeit unter dem Titel NATO’s secret armies. Operation Gladio and terrorism in Western Europe in überarbeiteter Fassung. Ausgehend von freigegebenen Dokumenten zur italienischen „Gladio“ beschrieb er weitere Stay-behind-Organisationen in Westeuropa, die im Falle einer sowjetischen Invasion einen Guerillakrieg führen sollten. Er versuchte den Nachweis, dass diese Gruppen von NATO-Ausschüssen koordiniert worden und einige an Staatsterrorismus beteiligt gewesen seien. Das Buch wurde in zehn Sprachen übersetzt und erschien 2008 auch auf Deutsch.

Laut dem Politikwissenschaftler Philip Davies fehlt Ganser Kenntnis von Geheimdienstarbeit, sodass er Verschwörungen imaginiere, Umfang und Bedeutung verdeckter Operationen übertreibe, ihre Koordination mit nationalen Regierungen missverstehe und ihre Aktivitäten historisch falsch einordne. Schon seine Beschreibung relativ kleiner, auf Sabotage trainierter, mit Waffenlagern ausgestatteter Schläferzellen als „Armeen“ sei unzutreffend. Er behaupte ein konstantes, teils kriminelles Vorgehen von USA und NATO gegen politische Linke. Dazu stelle er Gladio-Aktionen in den 1960er Jahren als Putschversuch der CIA dar, obwohl die Akteure ihm ihre Eigeninitiative versichert hätten. Er beschreibe das Allied Clandestine Committee der NATO als Koordinator jener Verbrechen, ohne die multinationale Arbeitsteilung der Netzwerke zu begreifen. Er betrachte Mitglieder paramilitärischer und nichtmilitärischer Spezialoperationen unterschiedslos als Geheimdienstagenten. Dabei übersehe er jedoch, dass von der CIA ausgerüstete und trainierte Paramilitärs sich historisch oft deren Kontrolle entzogen und dann Verbrechen begingen. Ganser stütze sich nur auf journalistische Quellen und wenig stichhaltige Primärquellen. Akademische Studien von Fachexperten und kritisches Material in Fachmagazinen der US-Dienste berücksichtige er nicht. Die wichtige Geschichte der alliierten Staybehinds müsse daher erst noch genau und gut erzählt werden.[17]

Der dänische Historiker Peer Henrik Hansen[18] sieht Gansers Buch nicht als ernstzunehmende wissenschaftliche Forschung, sondern als journalistische Arbeit mit einem erheblichen Anteil Verschwörungstheorie. Ganser stelle seine methodische Vorgehensweise nicht dar und behandle seine Quellen (vor allem Zeitungsberichte und Publikationen von Politikern) unkritisch. Er behaupte ohne Beweis eine Verschwörung westlicher Staaten und ihrer Geheimdienste, vor allem CIA und MI6, mit den NATO-Geheimarmeen. Die von ihm zitierten Zeugenaussagen belegten dagegen, dass CIA und MI6 in den NATO-Gremien kein Stimmrecht hatten. Ganser führe eine Version des US-Armeehandbuchs 30-31B als Beleg an, die schon vor 1990 als vom KGB gefälscht enttarnt worden sei. Stay-behind-Truppen einiger skandinavischer Staaten seien schon vor der NATO gegründet und national kontrolliert worden. Unbestreitbare Verbrechen einiger Staybehindmitglieder dürften nicht dazu führen, alle als Terroristen zu brandmarken.[19]

Der Historiker Olav Riste kritisierte 2005 und 2014 Gansers Hauptthese, die Stay-behind-Gruppen seien ein von der CIA gelenktes, verschwörerisches Netzwerk in ganz Westeuropa gewesen, das überwiegend von Rechtsextremisten infiltriert gewesen sei und terroristische Akte zur Zerstörung linker Gruppen verübt habe. Zwar erhalte man für das Thema kaum zuverlässige Dokumente. Ganser gebe jedoch keine kritische Übersicht über seine Quellen, versuche nicht, diese einzuordnen und akzeptiere unterschiedslos gedruckte Aussagen als Belege. Er zitiere Quellen falsch, auch Riste selbst, und gebe viele unbelegte Vorwürfe als historische Tatsachen aus. Untersuchungsausschüsse und Historiker in Italien und Belgien hätten Terrorakte von Staybehind-Gruppen verworfen. Einige Staaten Westeuropas, nicht CIA und MI6, hätten diese Gruppen aus je besonderen nationalen Interessen gebildet. Deren patriotische Mitglieder seien nicht von aussen lenkbar gewesen. Die Mitglieder des Atlantic Pact Clandestine Committee (ACC) mussten die Unabhängigkeit der Netzwerke in den Mitgliedsstaaten akzeptieren. Somit sei die These von zentral gelenkten „NATO-Geheimarmeen“ falsch. Nach den verfügbaren Dokumenten hätten die Teilnehmerstaaten des ACC in den 1970er Jahren Sabotage ausgeschlossen, Waffendepots reduziert, aufgelöst oder ihrer eigenen Armee unterstellt und ihre Unabhängigkeit von den NATO-Kommandostrukturen bewahrt.[20]

Für den Historiker Charles G. Cogan gehört Gansers Buch zu jenen journalistischen Schriften, die Stay-behind-Netzwerke ohne solide Beweise mit immer mehr Aktionen verknüpfen. So behaupte Ganser, die CIA habe mit NATO-Geheimarmeen und dem US-Verteidigungsministerium 1961 einen Staatsstreich gegen Charles de Gaulle unterstützt und den Putschführer Maurice Challe ermutigt. Dafür gebe es jedoch keinen Beweis.[21]

Der Historiker Gregor Schöllgen stimmte Ganser darin zu, dass 16 NATO-Staaten vom NATO-Hauptquartier koordinierte Staybehind-Truppen hatten. Ganser habe sich fast nur auf bekanntes Material stützen können. Zwar sei das aus diesen Quellen Zusammengetragene „in der Gesamtschau bemerkenswert“, aber „nicht selten grotesk überzeichnet“. So seien Verbindungen der Organisation Gehlen und des daraus hervorgegangenen Bundesnachrichtendienstes (BND) in das „rechte Milieu“ unbestreitbar, ob und wie stark der Vorläufer des BND auch an der Staybehind-Truppe „Technischer Dienst“ beteiligt war, sei jedoch bisher unbekannt. Gleichwohl spekuliere Ganser über eine Verwicklung des BND in das Oktoberfestattentat von 1980. Ganser nehme auch eine deutsche Staybehind-Truppe in Divisionsstärke an, während andere für die 1960er Jahre bis zu 600 Mitglieder schätzten.[22]

Weitere Autoren kritisierten spekulative und verschwörungstheoretische Tendenzen in Gansers Buch: Laut dem Politikwissenschaftler Leopoldo Nuti (2007) ist die von Ganser behauptete Beteiligung Gladios an einem Putschplan von Giovanni De Lorenzo 1964 unbelegt.[23] Für den Historiker Pascal Girard (2008) ist Gansers These, die CIA habe wichtige europäische Ereignisse der Nachkriegszeit ganz oder teilweise verursacht, eine unüberprüfbare Vermutung.[24] Der Historiker Christopher Gunn (2015) weist Gansers These einer CIA-Beteiligung am Militärputsch in der Türkei 1960 im Detail zurück: Ganser habe seine Angaben ungeprüft von Selahattin Çelik übernommen. Er gebe keinen Beleg für Vorkenntnisse der US-Botschaft in Istanbul von den Putschzielen.[25]

Ganser hatte 2005 auch den Mord an dem entführten italienischen Politiker Aldo Moro im Jahr 1978 für seine These von Staatsterrorismus „Gladios“ in Italien herangezogen. 2006 erschien neue Forschung dazu. Der Historiker Karl Schellhass berichtete 2007 darüber und hinterfragte, „ob die These von Daniele Ganser, dass der rechte Terrorismus in Italien durch die NATO und die CIA exzessiv instrumentalisiert und manipuliert wurde, ebenso einer Analyse standhalten würde“, wie sie der italienische Historiker Vladimiro Satta 2006 für Moro vorgelegt hatte.[26]

Der Historiker Tobias Hof lobte 2009, dass Ganser die verstreuten verfügbaren Informationen über geheime NATO-Einheiten akribisch zusammengetragen und zugänglich gemacht habe. Damit habe er die seit langem bekannten, aber von der NATO nie bestätigten Geheimarmeen wissenschaftlich erwiesen. Ganser spekuliere aber trotz seiner fehlenden Einsicht in relevante Aktenbestände über die Beteiligung dieser NATO-Einheiten an Terroranschlägen. Dabei stütze er sich unkritisch auf unzuverlässige Quellen (Presse, Zeugenaussagen, umstrittene Untersuchungsberichte). Ihm unterliefen immer wieder historische Falschangaben. Im Fall von Aldo Moro übernehme er ausschliesslich durch aktuelle Forschung schon widerlegte Verschwörungsthesen. Er unterstelle eine Beteiligung von Gladio an rechtsterroristischen Bombenattentaten zwischen 1969 und 1980 in Italien. Dabei berücksichtige er nicht, dass sich die italienische Geheimdienstpolitik nach 1972 von der bis dahin verfolgten Strategie der Spannung abgewandt habe. Seiner Arbeit fehle ein umfassendes Quellen- und Literaturverzeichnis. Er halte die Gliederung nach Ländern nicht ein, so dass sich Wiederholungen einschlichen. Für seine These, die Nato-Geheimarmeen seien „Quelle des Terrors“ gewesen, bedürfe es weitergehender Einzelforschung.[27]

Der deutsche Historiker Bernd Stöver sieht Gansers Buch als wichtigen chronologischen Überblick zu den westeuropäischen Stay-behind-Organisationen im Kalten Krieg, besonders zu deren Planung.[28]

Der Investigativjournalist Ulrich Chaussy sieht Gansers Vermutung, der Rechtsextremist Heinz Lembke und seine 1981 entdeckten Waffenlager hätten einer deutschen Staybehind-Gruppe angehört, durch Dokumente der Stasi über eine Funkstelle in Lembkes Wohnort gestärkt. Chaussy kritisiert jedoch Gansers These, diese Staybehind sei am Oktoberfestattentat beteiligt gewesen, als „vage Möglichkeit“ ohne Belege: „Je ungeklärter ist, wer genau zusammengewirkt hat, desto ungebremster sprießen Verschwörungstheorien über einen Anschlag, dessen Urheber sich nicht zu ihrer Tat bekannt haben und von dem nicht einmal klar ist, ob er so abgelaufen ist, wie er geplant war.“[29]

https://de.wikipedia.org/wiki/Daniele_Ganser

Advertisements

Autor: demokratischewerkstatt

Ich mache bisher diese Seite allein, suche aber Partner, die ähnlich denken, die Zusammenarbeit. Ich möchte anregen aktiv zu werden und zur Belebung der Demokratie beizutragen, um Lösungen für die ungeheuren und hochgefährlichen Herausforderungen zu finden. Altes Denken reicht dazu nicht, aber wir können viel von ihm lernen, um die Möglichkeiten für neue Wege zu erkennen und zu öffnen. Ich setzt da auf die Methode der "Zukunftswerkstätten" von Robert Jungk, die er entwickelt hat, um mehr demokratische Mitwirkung zu erreichen. In Wanfried möchte ich so eine Zukunftswerkstatt mit Gleichgesinnten von überall schaffen und dann gemeinsam anregen, in mehr Städten und Regionen dies zu tun, zur Innenpolitik, Gesellschaftspolitik, zur Außenpolitik und Weltpolitik, denn letztlich spielen all die ineinander und sind nicht aus sich allein zu verstehen. Meldet Euch, wenn ihr es mit mir versuchen wollt, gemeinsam etwas voranzubringen. Tel: 05655-924981, Demokratische Werkstatt Wanfried (DWW)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s