«Ich kann nicht mehr zählen, wie viele Morde es in den letzten Jahren um unser Haus herum gegeben hat», sagt der 35-jährige Taxifahrer mit leiser Stimme. Mit 104 Morden je 100’000 Einwohner ist El Salvador das gefährlichste Land weltweit ausserhalb von Kriegsgebieten. In El Salvador finanzieren sich Jugendbanden mit dem Erpressen von Schutzgeldern. Sie haben eine Parallelgesellschaft geschaffen. Wer ihre Regeln nicht einhält, wird umgebracht. In El Salvador gibt es laut offiziellen Zahlen über 60 000 aktive Bandenmitglieder – bei einer Gesamtbevölkerung von rund 6,2 Millionen. Die Repression gegen die Banden hat die Zahl der Morde noch nach oben schnellen lassen!

Gewalt in El Salvador
Regierung ruft Notstand in Gefängnissen aus
Die Bosse der mächtigen Jugendgangs steuern ihre Geschäfte aus den Haftanstalten heraus. Nun will die Regierung mit einer Reihe von Notmassnahmen die Gewalt in dem mittelamerikanischen Land in den Griff bekommen.
  • 30.3.2016, 17:54 Uhr

Polizisten verhaften ein Bandenmitglied. (August 2015) (Bild: Manu Brabo / AP)

Polizisten verhaften ein Bandenmitglied. (August 2015) (Bild: Manu Brabo / AP)

Polizisten verhaften ein Bandenmitglied. (August 2015) (Bild: Manu Brabo / AP)

(dpa)

Angesichts der jüngsten Gewaltwelle in El Salvador hat die Regierung des mittelamerikanischen Landes für sieben Gefängnisse den Notstand erklärt. In den kommenden zwei Wochen werde jede Art der Kommunikation zwischen den Häftlingen und der Aussenwelt unterbunden und Familienbesuch gestrichen, teilte Justizminister Mauricio Landaverde am Dienstag (Ortszeit) mit. Soldaten würden den Aussenbereich der Haftanstalten bewachen.

Rund 300 führende Gangmitglieder wurden in ein Hochsicherheitsgefängnis verlegt. Die Jugendbanden – sogenannte Maras – erhalten ihre Befehle häufig von ihren inhaftierten Chefs. «Die Gefängnisse sind Spelunken, aus denen Befehle kommen, die die Verbrechen im Land erhöhen», sagte Regierungssprecher Eugenio Chicas. «Die Massnahmen sollen die Bevölkerung schützen.»

Mit 104 Morden je 100’000 Einwohner ist El Salvador das gefährlichste Land weltweit ausserhalb von Kriegsgebieten. Die Regierung macht die Maras für den Grossteil der Gewalt verantwortlich. Zuletzt war in El Salvador über die Verhängung des Ausnahmezustandes diskutiert worden. Für Mittwoch wurde erwartet, dass die Regierung dem Kongress ein erstes Massnahmenpaket vorlegt.

Verhandlungen mit den Banden schloss die Regierung aus. Zuletzt hatten die Sprecher der mächtigsten Gangs ihre Mitglieder aufgerufen, keine Morde mehr zu verüben und die Regierung im Gegenzug aufgefordert, von den Notstandsmassnahmen abzusehen.

«Sie halten der Bevölkerung die Pistole an den Kopf und sagen: Verhandelt mit uns oder wir töten weiter», sagte Chicas. «Es wird keinen Waffenstillstand geben. Wir werden diese kriminellen Gruppen weiter verfolgen und vor Gericht bringen.»

Familien sind in den Bandenstrukturen mitgefangen. Eine Frau erfährt, dass ihr Mann, ein Gangmitglied, wegen Mordes festgenommen worden ist. (Bild: Ruido Photo/Keystone)

In El Salvador finanzieren sich Jugendbanden mit dem Erpressen von Schutzgeldern. Sie haben eine Parallelgesellschaft geschaffen. Wer ihre Regeln nicht einhält, wird umgebracht.

Héctor wohnt in der Schusslinie, mit seiner Frau, zwei Töchtern, eine davon herzkrank, und seiner an Alzheimer erkrankten Schwiegermutter. Ihr Haus liegt zwischen den Territorien zweier verfeindeter Jugendbanden in der Hauptstadt San Salvador. «Ich kann nicht mehr zählen, wie viele Morde es in den letzten Jahren um unser Haus herum gegeben hat», sagt der 35-jährige Taxifahrer mit leiser Stimme in seiner Küche. Es dringt wenig Licht von der tropischen Sonne durch das vergitterte Fenster. Der Ventilator brummt, doch er vermag die schwere Luft nicht aus dem Raum zu verdrängen.

Terror gegen die Ärmsten

Die Situation habe sich in den letzten Jahren drastisch verschlimmert, ergänzt seine 41-jährige Frau Alicia, die neben ihm am Küchentisch sitzt und in diesem Haus aufgewachsen ist (Namen aus Sicherheitsgründen geändert). Sie wohnen in einem einstöckigen Betonbau zwischen zwei Gassen. Das Haus ist beidseitig umzäunt von schweren Gittern und feinem Maschendraht – auch der kleine Innenhof, wo die Wäsche zum Trocknen hängt. «Wir leben hier wie in einem Bunker. Das Schlimme ist, dass wir uns daran gewöhnt haben, eingesperrt zu sein. Wir haben uns daran gewöhnt, nicht mit unseren Nachbarn zu sprechen, daran, die Lichter zu löschen, sobald es dunkel wird, und an die Schüsse in der Nacht», sagt Héctor.

Wie in vielen ärmeren Vierteln oder Dörfern in El Salvador regieren auch in Héctors Quartier berüchtigte Jugendbanden – die Maras. Die grössten heissen Mara Salvatrucha und Barrio 18. Sie haben eine Parallelgesellschaft aufgebaut. Wer ihre Regeln nicht einhält, wird umgebracht. In El Salvador gibt es laut offiziellen Zahlen über 60 000 aktive Bandenmitglieder – bei einer Gesamtbevölkerung von rund 6,2 Millionen. Darin nicht mitgezählt sind ihre Familien, die in den Strukturen finanziell mitgefangen sind. Eine Einnahmequelle ist der Drogenverkauf, hauptsächlich aber leben sie von Schutzgelderpressungen. «Erpressungsfälle haben in den letzten Jahren stark zugenommen», so Martín Zepeda. Er arbeitet als Richter in San Salvador. Der Löwenanteil seiner Fälle betreffe Erpressungen – über 40 Prozent, doch die meisten Verbrechen gelangten gar nie ans Gericht. Zepeda weiss, wovon er spricht. Der Taxifahrer Héctor ist sein Schwager. Lange konnte sich Héctor den Erpressern entziehen. Mit selbstauferlegten Regeln, die für das Geschäft erschwerend sind, aber der Sicherheit dienen: Er fährt keine Klienten aus dem Quartier, nimmt keine unbekannten Leute von der Strasse mit, arbeitet nur mit sogenannten gesunden Personen, die ihn per Telefon zu sich bestellen.

Die Pistole an der Schläfe

Doch vor zwei Jahren haben sie auch ihn erwischt. «Ein gut gekleidetes Paar ist in das Auto eines Kollegen gestiegen – er arbeitet im selben Taxikollektiv wie ich. Auf halbem Weg haben sie ihm die Pistole an den Kopf gehalten, zwangen ihn auszusteigen. Sein Taxi musste er für 500 Dollar zurückkaufen. Seit damals bezahlen wir monatlich 200 Dollar. Aufgeteilt auf 30 Fahrer», erzählt er. An eine Anzeige ist nicht zu denken. «Auch wenn wir das Geld selber dringend brauchen würden; lieber bezahle ich das Schutzgeld als ein Bestattungsunternehmen.» So lassen ihn die Bandenmitglieder in seinem Viertel Mejicanos in Ruhe arbeiten, wie die Fahrt zu seinem Haus zeigt. Auf den Gassen schieben sie Wache. Kontrollieren, wer hinein- und wer hinausfährt. Zum Glück sind die Scheiben verdunkelt. «An dieser Ecke haben sie vor zwei Tagen einen jungen Mann erschossen – ein Bandenmitglied. Und dort schossen sie kürzlich auf einen Minibus. Es gab nur Verletzte.»

Plötzlich nähert sich ein Pick-up. Héctor sagt: «Kamera weg!» – und lässt die Scheibe herunter. Er grüsst einen Mann, glatzköpfig, freundlich. Dieser schüttelt ihm die Hand, sein Arm ist tätowiert. Der Mann schielt zur Beifahrerin. Wir fahren weiter. «Ich muss ihn grüssen», erklärt Héctor entschuldigend. «Er ist einer der Bandenbosse, er weiss, dass ich bereits bezahle. Sie müssen dich kennen, wenn du hier herumfährst.»

Für den Richter Zepeda ist klar, dass eine Anzeige seines Schwagers Selbstmord wäre. «Man weiss nie, wer wie in was verstrickt ist. Es kann sein, dass der Polizist, bei dem er den Erpresser anzeigt, mit demselben eine Vereinbarung hat. Die Bewohner haben das Vertrauen in die Behörden verloren», sagt Zepeda. Wer konnte, ist wie er aus dem Quartier weggezogen. Seine Nachbarn aus der Kindheit wohnen nicht mehr im gefährlichen Viertel Mejicanos.

Wann hat die Gewalt zugenommen? Héctor und Alicia erinnern sich: «2009 begann der Horrorfilm in unserer Zone. Das Gerücht ging um, dass Busfahrer Schutzgelder bezahlen müssen. Das haben sie zunächst nicht gemacht. Nach drei Tagen wurde ein Fahrer erschossen.» Wenig später – im Juni 2010 – verübten Mitglieder der Mara Barrio 18 ein Massaker. Ihre Brutalität hat sich in die Köpfe der Salvadorianer eingeprägt. Wenige Blocks entfernt von Héctors Haus im Viertel Mejicanos zündeten sie einen vollbesetzten Minibus an. 17 Passagiere verbrannten bei lebendigem Leibe. Das Motiv war Rache, weil zuvor eines ihrer Mitglieder umgebracht worden war. «Ungefähr ab diesem Zeitpunkt begannen die Bandenmitglieder unsere Bäckereien mit Schutzgeldern zu belegen, auch die kleinen Geschäfte. Nachbarn, die ihre Läden jahrelang geführt hatten, mussten schliessen. Sie verdienten zu wenig, um zu bezahlen, erhielten Morddrohungen und zogen weg», so Alicia.

Der Richter wagt sich nur selten zu seinem Elternhaus nach Mejicanos. Er besuche seine kranke Mutter zweimal monatlich, sagt er in seinem Büro in der Hauptstadt. «Wenn mein Bruder kommt, ruft er mich an und gibt mir die Uhrzeit durch. Dann fährt er mit dem Auto vor, unsere Mutter steigt ein, und weg sind sie», sagt Alicia, seine Schwester. «Er hat Angst, hierher zu kommen. Er, der sein Brot damit verdient, dass er für Gerechtigkeit in unserem Land sorgen sollte!»

Kurswechsel der Regierung

Für die Bewohner der betroffenen Sektoren ist klar, dass die Regierung tatenlos zuschaut. Die Banden haben die Kontrolle übernommen. Wie reagiert sie auf diese Anschuldigungen aus der eigenen Bevölkerung? «Es stimmt. Es gibt schwierige Zonen, in denen der Staat eine schwache Präsenz hat. Aber es gibt keinen Ort in diesem Land, zu dem der Staat nicht hingeht», verteidigt sich Benito Lara im Interview im Sitzungszimmer der Regierung. Er ist der Sicherheitsminister der neuen linksgerichteten Regierung unter Salvador Sánchez Cerén, welche seit Anfang Juni an der Macht ist.

Die Politiker der ehemalige Guerillaorganisation Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional (FMLN) sehen den Grund der grassierenden Kriminalität bei ihren Vorgängern. In den vergangenen Jahrzehnten sei falsche Politik gemacht worden, sagt Lara. «Besonders verheerend war die repressive Sicherheitspolitik gegen die Banden. Mit der Politik der harten Hand ab 2003 ging der Schuss nach hinten los. Damals hatten wir 12 000 Morde pro Jahr, fünf Jahre später 18 000.» Die neue Regierung wolle der Gewalt mit einer integralen, sozialen Politik entgegentreten. Unter anderem soll mehr in die Rehabilitierung früherer Bandenmitglieder investiert werden, mehr Prävention betrieben werden, und es sollen mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Lara anerkennt, dass die Bekämpfung der Erpressungen eine der grössten Herausforderungen für die neue Regierung sein wird. Die Ahndung dieser Verbrechen ist bis jetzt kaum möglich. Es gilt das Gesetz der Strasse: «Ver, oír y callar» (sehen, hören, schweigen). Héctor sagt: «Hier lebt am längsten, wer am wenigsten weiss. Wenn etwas passiert, schaut man auf die andere Seite, um in nichts verwickelt zu werden.»

Wie eine Hydra

Die wenigen, die es dennoch wagen, Anzeige zu erstatten, bewirken damit zurzeit noch reichlich wenig. Der Richter Zepeda vergleicht es mit der Hydra aus der griechischen Mythologie. Die Banden schicken verschiedene Leute, um Bestechungsgelder einzutreiben. Oft auch 12-Jährige, die dazugehören wollen. Bei einer vermeintlichen Geldübergabe geht der Polizei der Gehilfe in die Fänge, nicht die Spitze der Organisation. Die Banden haben eine grosse Basis und können neue Leute nachziehen. Sie sind wie eine Hydra – ein Ungeheuer also, dem für jeden Kopf, der abgeschlagen wird, zwei neue nachwachsen.

Zepeda wünscht sich von der Regierung, dass sie verstärkt gegen die Erpresserbanden ermittelt, um die Strukturen zerschlagen zu können. Dazu brauche es die Mithilfe der Bevölkerung, meint der Sicherheitsminister. «Sie weiss am besten, wer in ihrer Zone kriminell ist. Wir müssen es schaffen, ihr Vertrauen in die Sicherheitsinstitutionen zurückzugewinnen. Wir werden die kommunale Polizei stärken. Und eine Politik der permanenten Säuberung der Polizei durchsetzen», sagt Benito Lara.

Was denken Bandenmitglieder über ihre egoistische Art, sich wie Parasiten von ihren Landsleuten durchfüttern zu lassen? Sie sprechen ungern darüber, im Wissen, dass die Bevölkerung wütend auf sie ist. So zahlreich die Bandenmitglieder sind, so zahlreich sind ihre Meinungen dazu.

Ein 22-jähriges Bandenmitglied verurteilt die Praxis, mittellose Leute zu erpressen. «Es stimmt, wir machen das. Aber das ist nicht die Schuld der Homeboys», meint er, wobei er sich auf die einfachen Bandenmitglieder bezieht. «Die Chefs behalten die fixen Schutzgelder für sich», sagt der junge Mann, der als geheimer Informant der Polizei dient und auf einem kleinen Polizeiposten etwas ausserhalb der Hauptstadt mit drei weiteren Bandenmitgliedern eingesperrt ist. Er hatte die Wahl zwischen einem Urteil wegen mehrfachen Mordes und der Zusammenarbeit mit dem Staat als Informant. Dafür erhält er eine Hafterleichterung.

1200 Dollar Erpressungsgeld

«Wir leben von den Erpressungsgeldern. Damit finanzieren wir unsere Leute im Gefängnis, damit kaufen wir unsere Waffen.» Er sagt, vom öffentlichen Transportwesen hätten er und seine Clique alle zwei Wochen 1200 Dollar erpresst. Ein Grossteil davon ging an 22 inhaftierte Mitglieder. Den Rest teilten sie unter sich auf. Offenbar zu wenig: «Was soll der einzelne Homeboy tun? Wir müssen unser Geld deshalb im Laden nebenan einfordern oder beim Eisverkäufer auf der Strasse. Es ist die Schuld der Chefs, weil sie alles Geld behalten. Und für die Homeboys bleibt nichts übrig, obwohl wir es sammeln.»

Auch normale Leute lernen von dieser Praxis. Einfach verdientes Geld ist verlockend. Nicht nur für Bandenmitglieder. Richter Zepeda kennt abstruse Fälle: «Frauen oder Männer geben sich als Mitglieder der Bande XY aus und verlangen bei einem Telefonanruf 1000 Dollar. Die Leute bezahlen, aus Angst, dass sie sonst umgebracht werden.»

Dieser Teufelskreis höre erst auf, wenn es im Land mehr Arbeitsmöglichkeiten gebe, davon ist der Richter Zepeda überzeugt. «Was macht ein Bandenmitglied, das aus dem Gefängnis kommt und keine Arbeit findet? Es geht zurück zu den ehemaligen Kollegen.» Bis jetzt gibt es fast keine Rehabilitierungsmöglichkeiten – eine Kleiderfabrik beschäftigt dreissig ehemalige Bandenmitglieder, eine weitere Firma eine ähnliche Zahl.

Martín Zepeda hat Vertrauen zur neuen Regierung. Dank den versprochenen Massnahmen werde sich die Situation verbessern, ist er überzeugt. Bis dies geschieht, müssen seine nahen Verwandten weiterhin in ihrem Bunker in Mejicanos leben. Zepeda fühlt sich machtlos: «Ich kann schliesslich nicht die ganze Familie zu mir ins Haus holen», sagt der Sohn der alzheimerkranken Mutter. Héctor und Alicia zählen viel weniger auf die neue Regierung als auf Gott. In der Küche erzählen sie kurz vor dem Eindunkeln in der drückenden Hitze von ihren Kirchenbesuchen. «Wir wissen, wenn wir Gott treu sind, ist er das auch uns. Der Beweis dafür ist, dass es uns trotz den vielen Toten um uns herum bisher noch nicht getroffen hat.»

 

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