“Neger, Neger, Schornsteinfeger” bitte allen Jugendlichen zeigen! Bester Geschichtsunterricht, in dem wir gut lernen können, wohin Nationalismus, Militarismus und Rassismus führen! Zuerst für die Diskriminierten und dann auch für die Verführten und die Täter! Link zum Film und Hörbuch und Interview mit dem Autor!

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  1. Neger Neger Schornsteinfeger! Teil 1 Film Komplett

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    Hans-Jürgen Massaquoi wird 1926 in Hamburg als Sohn der deutschen Krankenschwester Bertha Baetz und des aus Liberia …
  2. Neger, Neger, Schornsteinfeger: Meine Kindheit in Deutschland Hörbuch von Hans Jürgen Massaquoi

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    Hörbuch Komplett: Neger, Neger, Schornsteinfeger: Meine Kindheit in Deutschland l von Hans Jürgen Massaquoi. Als Sohn einer …

    Hans-Jürgen Massaquoi: Rassismus im Nationalsozialismus

  3. https://www.youtube.com/watch?v=5P7eX6VePBE

Neger, Neger, Schornsteinfeger!

Filmdaten
Originaltitel Neger, Neger, Schornsteinfeger!
Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 2006
Länge 178 Minuten
Altersfreigabe FSK 12
Stab
Regie Jörg Grünler
Drehbuch Beate Langmaack,
Hans-Jürgen Massaquoi(autobiograf. Roman)
Produktion Malte Grunert,
Markus Trebitsch
Musik Marius Felix Lange
Kamera Hans Grimmelmann
Schnitt Inge Behrens
Besetzung

Neger, Neger, Schornsteinfeger! ist die Verfilmung der gleichnamigen Autobiografie des Deutsch-Liberianers Hans-Jürgen Massaquoi. Der Zweiteiler war am 1. und 2. Oktober 2006 erstmals im ZDF zu sehen und wurde an Schauplätzen in Köln, Düren, Wittenberge und Hamburg gedreht.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hans-Jürgen Massaquoi wird 1926 in Hamburg als Sohn der deutschen Krankenschwester Bertha Baetz und des aus Liberia stammenden und in Dublinstudierenden Al Haj Massaquoi geboren. Seinen Vater lernt Hans-Jürgen damals nicht kennen. Sein Großvater väterlicherseits ist Momolu Massaquoi, Generalkonsul von Liberia in Hamburg und der erste Diplomat aus einem afrikanischen Land in Deutschland.

Nach einem kurzen, sorgenfreien Leben in der Villa des Großvaters zieht Hans-Jürgen noch im Kindesalter mit seiner Mutter in ein Arbeiterviertel nach Hamburg-Barmbek-Süd, weil der Großvater in Liberia als Postminister gebraucht wird. In dem Viertel lernt er Klaus Mahnke und Fiete Petersen kennen, zwei Freunde fürs Leben. Er übernachtet, während seine Mutter nachts als Krankenschwester arbeitet, bei Elisabeth Möller, die später fast zur Familie gehört; wie auch Franz Wahl, den Bertha bei der Arbeit kennengelernt hat und in den sie sich später verliebt. Er wird aber aufgrund seiner Stelle als Personalleiter dazu genötigt, in die NSDAPeinzutreten.

Wegen seiner dunklen Hautfarbe entstehen dem Jungen im aufkommenden Dritten Reich zahlreiche Probleme. So wird er zum Beispiel trotz guter Leistungen in der Schule benachteiligt oder im Schulsport an den Pranger gestellt, außerdem wird ihm der Beitritt zum Deutschen Jungvolk, zur Wehrmacht oder der Zutritt zu Luftschutzbunkern bei Angriffen verwehrt. Er und seine Mutter müssen gegen Vorurteile ankämpfen und versuchen, in immer unmenschlicher werdenden Zeiten zu überleben, wobei Franz als Parteimitglied nur bedingt der Familie beisteht, weshalb sich Bertha schließlich von ihm trennt. Trotzdem verbindet Hans-Jürgen die Liebe zu Deutschland und der Wunsch, einer der Ihren zu sein, mit den „arischen“ Deutschen.

Hans-Jürgen verliebt sich in die blonde und hellhäutige Evchen John. Als sie erwischt werden, wird er von der Gestapo festgenommen und kommt nur durch die Hilfe seines guten Freundes, des Polizisten Reesen, frei. Mit dessen Hilfe und der vieler anderer gutwilliger Menschen gelingt es Hans-Jürgen und seiner Mutter, den Krieg in Hamburg zu überleben.

Rezensionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Das Problem einer Buchverfilmung, die nur begrenzte Zeit hat, ihre Geschichte zu erzählen, packt der Film an: Die Handlung fliegt im Zeitraffer dahin; zuweilen wirkt sie dadurch vereinfacht und verknappt. Der zweite Teil gewinnt an Tempo und Dramatik. Vor allem durch das Spiel der hochkarätigen Besetzung ist ein bewegendes Stück Film entstanden, das zu menschlicher Wärme und Solidarität ermutigt.“

Top-Videonews[1]

In einer Rezension des Magazins Der Spiegel wird dem Film bescheinigt, „mehr Heimatkunde als Historiendrama, mehr Folklore als Analyse der damaligen Verhältnisse“ zu sein. Grund sei der Blickwinkel aus der Sicht der Mutter, die die Nazizeit zwar instinktsicher beurteile, aber nicht verstehe und analysiere. Der Film liefere mit seinen Nazi-Schurken und Gutmenschenfietjes wenig Erhellendes. „Geschichtsunterricht wie aus dem Lebkuchenhaus.“ [2]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Hochspringen Neger, Neger, Schornsteinfeger . Top-Videonews. Herausgeber: Kinder- und Jugendfilmzentrum im Auftrag des BMFSFJ.
  2. Hochspringen http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/neger-neger-schornsteinfeger-bequem-ohne-system-a-440076.html

https://de.wikipedia.org/wiki/Neger,_Neger,_Schornsteinfeger!

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Belgiens verlorene Generation: Nährboden für Jihadismus: Jugendarbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven und gefühlte Diskriminierung! In Europas „Hauptstadt sind die Probleme lange bekannt, doch niemand übernimmt die Verantwortung für die Misere. Belgien ist das europäische Land, aus dem proportional zur Bevölkerung am meisten junge Muslime nach Syrien gezogen sind. Die erste Welle von Jihadisten kämpfte in den 1980er Jahren in Afghanistan gegen sowjetische Truppen. Spätere Generationen zogen in den Tschetschenien-Krieg oder nach der amerikanischen Invasion in den Irak. Der Regisseur Adil el-Arbi hat für seinen neuen Film auch mit Jugendlichen aus Molenbeek zusammengearbeitet. Ihr Film „Black“ handelt von Straßenbanden in Brüssel, eine davon aus dem Viertel Molenbeek, und beruht auf einer wahren Begebenheit. Was fördert diese Jugendgewalt? Es ist ein spezielles Gefühl aus Langeweile, Perspektivlosigkeit und der Erfahrung, zurückgewiesen zu werden, also nicht dazuzugehören. Da bieten geschlossene Gruppen mit klaren hierarchischen Strukturen einen festen Halt. Die Jugendlichen sind in einer Identitätskrise. Sie fühlen sich weder in Marokko noch im Kongo daheim. Aber sie sind auch nicht zu Hause in Belgien. Und dann kommt eine Gruppe, eine Straßenbande oder eine terroristische. Du willst als junger Mensch einer Gruppe angehören. Die Religion bietet ein Koordinatensystem, indem sie Freund und Feind unterscheidet – gläubig und ungläubig. Doch eigentlich geht es um die Erfahrung der Entwurzelung und den Wunsch nach Verankerung. Ich will keine Vergleiche ziehen, aber in den 40er-Jahren zog die Gruppendynamik viele Flamen zur Wehrmacht, in den 70er-Jahren gab es die Gewalt linksterroristischer Gruppen wie der Baader-Meinhof-Bande.

Integrationsprobleme in Brüssel
Belgiens verlorene Generation
Jugendarbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven und gefühlte Diskriminierung bieten dem Jihadismus einen Nährboden. Die Probleme sind bekannt, doch niemand übernimmt die Verantwortung für die Misere.
  • von Niklaus, Nuspliger, Brüssel
  • 2.4.2016, 08:03 Uhr

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Die meisten Bewohner von Molenbeek sind marokkanischer Herkunft. Das Strassenbild erinnert an Souks. (Bild: Stephanie Lecocq / EPA)

Es ist ein Freitag im Mai 1991. In der Brüsseler Gemeinde Forest kontrolliert die Polizei einen jungen Mann maghrebinischer Abstammung. Die Kontrolle gerät aus dem Ruder, es fallen Schüsse. Rasch versammeln sich etwa 30 junge Männer vorwiegend marokkanischer Herkunft, es kommt zu Scharmützeln mit der Polizei. Übers Wochenende verfolgt ganz Belgien gebannt die Jugendunruhen, die sich wie ein Flächenbrand auf mehrere Brüsseler Quartiere ausweiten. Bilder brennender Autos und zerborstener Schaufenster flimmern über die Bildschirme.

Belgien hatte ab den 1960er Jahren Zehntausende von Marokkanern und Türken ins Land geholt, als Arbeitskräfte in den Minen und in der Industrie. Doch erst mit den Revolten von 1991 realisierte die Bevölkerung, wie viele Nachkommen dieser «Gastarbeiter» im Land leben – und dass sich niemand um deren Integration gekümmert hat.

«Zum Sündenbock gestempelt»

25 Jahre später sitzt eine Gruppe Männer unterschiedlichen Alters in einem Tea-Room am Parvis Saint-Jean Baptiste in Molenbeek – jenem Viertel, das als Herkunftsort vieler Attentäter von Paris und Brüssel zweifelhaften Weltruhm erlangt hat. Beim Kaffee sind die Anschläge vom 22. März das bestimmende Gesprächsthema. Der Fragen der aus aller Welt angereisten Journalisten ist der 23-jährige Ahmed aber überdrüssig. Eine rechtsextreme Gruppierung hat für Samstag zu einer unbewilligten Kundgebung in Molenbeek aufgerufen, was im Tea-Room heftig diskutiert wird. Auf den Schutz der Polizei vertrauen die Männer nicht. «Wir werden von allen zum Sündenbock gestempelt», meint Ahmed. Er beschreibt ein Gefühl, das in Molenbeek verbreitet ist.

Molenbeek ist zu einem Symbol für eine gescheiterte Integrationspolitik geworden. Die zweitärmste der 19 Brüsseler Gemeinden ist zwar über weite Strecken ein heruntergekommenes altes Industriequartier, aber selbst seine berüchtigtsten Ecken sind keine «No-go-Zonen». Weder treiben hier gewalttätige Gangs am helllichten Tag ihr Unwesen, noch findet man die triste Einöde der Pariser Banlieues vor. Seinen Ruf als Ghetto hat Molenbeek der kulturellen Uniformität zu verdanken: Die meisten Einwohner sind marokkanischer Abstammung, fast alle Frauen tragen den Hijab. In den Imbissbuden, Läden und Halal-Metzgereien oder zwischen den bunten Marktständen wähnt man sich auf einem Souk in Marokko. In der Männerrunde am Parvis Saint-Jean Baptiste wird vorab arabisch gesprochen, Frauen sucht man im Tea-Room vergeblich.

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Anders als in französischen Städten sind die Ghettos in Brüssel nicht das Resultat einer ungeschickten Stadtplanung. Sie sind vielmehr organisch gewachsen und Ausdruck einer gänzlich fehlenden Stadtplanung, die etwa über den gezielten Bau von Sozialwohnungen die Durchmischung hätte fördern können. Die Integrationsprobleme beschränken sich längst nicht nur auf Molenbeek. In Brüssel spricht man von einem «croissant pauvre», das sich östlich des alten Industrie-Kanals wie ein Halbmond an die Innenstadt anschmiegt. Es sind die gleichen Quartiere, in denen die muslimischen Jugendlichen 1991 revoltierten.

Im «Zentrum West» des Jugendhauses Dbroej in Molenbeek spielen an diesem regnerischen Vormittag nur eine Handvoll Kinder und Jugendliche im Aufenthaltsraum Video-Games und Tischtennis. In den Osterferien ist das Zentrum leerer als zu Schulzeiten. «Es herrscht kein Mangel an sozialen Einrichtungen», sagt Marc Dubois, der seit 14 Jahren als Sozialarbeiter in Molenbeek tätig ist. Die Präventionsangebote können verhindern, dass junge Menschen in die Radikalisierung abgleiten. Doch ein Jugendlicher, der bereits auf dem Weg zum Jihadisten ist, wird von den Sozialarbeitern in aller Regel nicht erreicht.

Als Hauptprobleme des Quartiers bezeichnet Dubois die Armut sowie die mangelnden Investitionen in die veraltete Bausubstanz. Molenbeek gilt als Stadtteil für neue Immigranten und ist für viele eine Durchgangsstation: In den letzten zehn Jahren ist die Bevölkerung um 20 Prozent auf 100 000 Einwohner explodiert, die Behörden haben den Überblick über die genaue Zahl der Anwohner verloren. Wer den sozialen Aufstieg schafft, zieht in ein besseres Viertel, weshalb sich die Armut perpetuiert.

«Ecoles de concentration»

Die Kinder und Jugendlichen im «Zentrum West» haben durchaus Chancen, den sozialen Aufstieg zu schaffen. Das Jugendhaus Dbroej ist von der flämischen Regionalregierung subventioniert, weshalb es nur Kindern offensteht, die niederländisch sprechen. Etwa jede dritte öffentliche Schule in Molenbeek ist niederländischsprachig. Eltern, welche die administrativen Hürden überwinden können, versuchen ihre Kinder in eine solche Schule zu schicken. Die frankofonen Unterrichtsstätten in den Brüsseler Problemquartieren gelten als «écoles de concentration» – also als Schulen, in denen sich die sozialen Probleme konzentrieren. Der Lehrplan ist nicht auf Klassen mit fast 100 Prozent Kindern mit Migrationshintergrund ausgerichtet.

25 Jahre nach den Jugendunruhen von 1991 ist zwar die politische Integration der Nachkommen muslimischer Einwanderer vollzogen, die erleichterte Einbürgerung ist längst Tatsache. Schlecht steht es aber um die wirtschaftliche Integration. Anne Thomas von der Organisation Actiris, die in der Region Brüssel mit der Arbeitsmarktpolitik betraut ist, spricht von «Diskriminierungen bei der Anstellung». Für weisse Belgier (im Volksmund «belges de souche») beträgt die Arbeitslosigkeit 11 Prozent. Für Brüsseler maghrebinischer Herkunft ist sie dreimal höher.

Laut Anne Thomas gäbe es im 1,3 Millionen Einwohner zählenden Brüssel genug Jobs, doch es fehlt an Arbeitsplätzen für Jugendliche ohne Mittelschulabschluss. Für Stellen in der Verwaltung und im Dienstleistungssektor sind Französisch-, Niederländisch- und oft auch Englisch-Kenntnisse erforderlich. Die Folge: Aus dem ganzen Land pendeln Belgier nach Brüssel zur Arbeit, doch wer in der Hauptstadt eine «école de concentration» besucht hat, bleibt aussen vor. Ganz untätig geblieben ist die Politik nicht. Es gibt Kampagnen gegen die Diskriminierung, und wer sich bei der Brüsseler Arbeitsmarktbehörde anmeldet, erhält heute die Garantie, dass er innert sechs Monaten einen Job, ein Praktikum oder eine Ausbildung findet. In Molenbeek sank die Jugendarbeitslosigkeit zwischen 2014 und 2015 von 38 auf 34 Prozent. Doch das Steuer herumzureissen, ist eine Generationenaufgabe.

Hohe Jugendarbeitslosigkeit, fehlende Perspektiven und gefühlte Diskriminierung bieten einen Nährboden für den Jihadismus. Doch als Erklärungsmuster greifen diese Faktoren viel zu kurz, wie das Beispiel der Gemeinde Saint-Josse-ten-Noode zeigt. In keiner anderen der 19 Brüsseler Gemeinden sind die Kriminalitätsrate und die Arbeitslosenzahlen höher, nirgendwo ist das Durchschnittseinkommen tiefer. Obwohl in Saint-Josse-ten-Noode fast jeder zweite Bewohner marokkanischer oder türkischer Abstammung ist, hat die Gemeinde kein Jihadismus-Problem. An einer Hand abzählen lasse sich die Zahl «seiner» Jugendlichen, die nach Syrien gezogen seien, erklärt Bürgermeister Emir Kir.

Kir, ein Sozialdemokrat türkischer Abstammung, stellt sich gerne als unbürokratischer Macher dar. Er hat im Rotlichtviertel hinter dem Nordbahnhof die Kontrollen für die Schaufenster-Bordelle verschärft. Und er hat sich geweigert, auf Empfehlung der Bundesregierung einen Anti-Radikalisierungsbeamten zu ernennen: «Der Kampf gegen die Radikalisierung ist Aufgabe der ganzen Gemeinde.» Kir setzt auf ein Netz von 100 Präventions-Fachleuten, die in den Strassen präsent sind und individuellen Kontakt mit den Jugendlichen suchen. Die Gemeinde gibt jungen Einwohnern Gratis-Checks für die Mitgliedschaft in Sport-Clubs. Und die Strassen werden zweimal pro Tag gereinigt – der Bürgermeister glaubt an die Signalwirkung eines sauberen öffentlichen Raums.

Zuständigkeiten verteilt

Es sind auch strukturelle Faktoren, die den Kampf gegen die Radikalisierung in Saint-Josse begünstigen. Die Gemeinde ist klein, und sie grenzt ans Europaviertel – was zeigt, wie nahe in Brüssel gegensätzliche Strassenzüge mit unterschiedlichster sozialer Struktur beieinanderliegen. Zudem ist die Bevölkerung in Saint-Josse heterogener als in Molenbeek: Die eine Hälfte der muslimischen Einwohner ist marokkanischen, die andere türkischen Ursprungs. Unter jungen Türken gibt es praktisch keine Jihadisten. Die türkisch-belgische Gemeinschaft gilt als weniger fragmentiert als die marokkanisch-belgische. Die Biografien der Jihadisten zeugen von kriminellen Karrieren. Diese beginnen oft mit dem Handel von Haschisch, der aus dem Rif-Gebirge den Weg nach Brüssel findet, wo er von Jugendlichen marokkanischer Herkunft verkauft wird.

Der belgische Innenminister Jan Jambon hat nun einen neuen Plan der Bundesregierung für die Problemquartiere präsentiert. Er beschränkt sich auf die Entsendung zusätzlicher Polizisten, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Eine Stärkung der kompliziert organisierten Polizei ist nötig, doch mehr Repression kann nur Teil einer Antwort sein. Im komplexen politischen Gefüge Brüssels obliegt die Prävention den Kommunen, die Siedlungs- und die Arbeitsmarktpolitik der Regionalregierung und die Bildungspolitik den frankofonen und flämischen Sprachgemeinschaften. In all diesen Bereichen hatten viele Experten schon 1991 Reformen angemahnt. Doch die politische Gesamtverantwortung hat nie jemand übernommen. Seither ist eine Generation verloren gegangen.

Warum junge Belgier in den Jihad ziehen

Belgien ist das europäische Land, aus dem proportional zur Bevölkerung am meisten junge Muslime nach Syrien gezogen sind, um sich dem sogenannten Islamischen Staat (IS) anzuschliessen. Das Innenministerium beziffert die Zahl der Syrien-Reisenden auf knapp 500. Etwa 130 sollen nach Belgien zurückgekehrt sein, unter ihnen auch einige Attentäter von Paris und Brüssel. Als Grund für die Überrepräsentation belgischer Jugendlicher gilt unter Experten, dass das Land auf eine längere Geschichte solcher Kämpfer zurückblickt und daher bereits Rekrutierungs-Netzwerke bestehen. Die erste Welle von Jihadisten kämpfte in den 1980er Jahren in Afghanistan gegen sowjetische Truppen. Spätere Generationen zogen in den Tschetschenien-Krieg oder nach der amerikanischen Invasion in den Irak.
Der Politologe Rik Coolsaet von der Universität Gent hat in einer im März erschienenen Studie die Beweggründe belgischer Jihadisten, sich dem IS anzuschliessen, untersucht. Er kommt zum Schluss, dass bei der gegenwärtigen vierten belgischen Jihad-Welle der Religion eine viel marginalere Rolle bei der Motivation zukommt als bei den Kämpfern früherer Wellen. Coolsaet unterscheidet zwei Gruppen der neuen Jihadisten. Die erste Gruppe ist bereits in kriminellen Netzwerken aktiv. Es sind insofern nicht strenggläubige Muslime, die sich radikalisieren, sondern Kriminelle, die sich islamisieren. Die zweite Gruppe besteht aus unauffälligen Einzelgängern und sozial isolierten Jugendlichen, die übers Internet mit der IS-Ideologie in Kontakt kommen. Beiden Gruppen ist laut dem Politologen gemeinsam, dass sie keine Zukunft sähen und im IS einen Weg aus der Perspektivenlosigkeit zu erkennen glaubten. Bei allen Jihadisten seien überdies psychologische und familiäre Probleme im Spiel.

 

http://www.nzz.ch/international/integrationsprobleme-in-bruessel-belgiens-verlorene-generation-ld.11117

 

 

Belgische Jugend und der Terror
„Sie wollen dazugehören“

Brüsseler Vorstadtgang: eine Szene aus Adil el-Arbis jüngst erschienenen Film "Black"

Brüsseler Vorstadtgang: eine Szene aus Adil el-Arbis jüngst erschienenen Film „Black“

Foto:

Caviar

Der Regisseur Adil el-Arbi (27) machte zuerst von sich reden, als er das belgische Pendant zu „Wer wird Millionär“ gewann. Mittlerweile gehört er zu den profilierten Filmemachern Belgiens. Sein neuester Film „Black“ (2015), den er gemeinsam mit seinem Freund Bilall Fallah (29) drehte, erzählt von täglicher Gewalt, kleinkriminellem Dasein und von der Liebe zwischen Mavela aus dem schwarzafrikanischen Brüsseler Stadtteil Matongé und Marwan aus dem nordafrikanisch dominierten Kiez Molenbeek. Die Teenager geraten zwischen die Fronten zweier Jugendbanden.

Herr El-Arbi, die Lage war nicht einfach, Terroralarm in Brüssel, wie haben Sie diese Tage verbracht?

Die Metro fuhr nicht. Ich war die meiste Zeit zu Hause und bin anfangs höchstens mal zum Essen raus. Das ging, glaube ich, den meisten so.

Wie würden Sie die Situation in Brüssel beschreiben, die Zeitung Le Soir hat zum Wort „vivoter“ gegriffen: dahinkrebsen.

Das trifft es irgendwie ganz gut. Für gewöhnlich vibriert das Leben in Brüssel, die Stadt ist immer voll von Menschen, Touristen, Euromacs, Flamen, Wallonen, Kleinkriminelle, Künstler, alles treibt sich hier rum. Aber in den vergangenen Tagen war es leer. Brüssel war eine leblose Stadt mit einer leeren Mitte. Der Pulsschlag fehlt.

Langeweile, Zurückweisung und fehlende Persepektive

Ihr Film „Black“ handelt von Straßenbanden in Brüssel, eine davon aus dem Viertel Molenbeek, und beruht auf einer wahren Begebenheit. Was fördert diese Jugendgewalt?

Es ist ein spezielles Gefühl aus Langeweile, Perspektivlosigkeit und der Erfahrung, zurückgewiesen zu werden, also nicht dazuzugehören. Da bieten geschlossene Gruppen mit klaren hierarchischen Strukturen einen festen Halt.

In der belgischen Hauptstadt fürchteten die Kinobesitzer Ausschreitungen migrantischer Jugendlicher: Der Film „Black“ kam kurz vor den Pariser Anschlägen ins Kino, ehe Brüssel und das Viertel Molenbeek in den Fokus der Aufmerksamkeit rückten.

Der Vergleich zu Terrorgruppen liegt nahe.

Mir ist das ein bisschen zu einfach. Es gibt bei Straßenbanden Kleinkriminalität, da wird mal eine Handtasche geklaut oder ein Portemonnaie. Aber die Gewalt zielt auf einen klaren Gegner: Es ist „Black Bronx“, eine schwarzafrikanische Bande aus dem Viertel Matongé, gegen „1080“, der nordafrikanischen Bande aus Molenbeek, Gang gegen Gang, Kiez gegen Kiez. Der Terror, den wir in Paris erleben mussten, ist grenzenlos in seinen Mitteln und wahllos in seinen Zielen. Der kann jeden treffen.

Erklärt Benachteiligung allein die Wut auf die Gesellschaft?

Die Jugendlichen sind in einer Identitätskrise. Sie fühlen sich weder in Marokko noch im Kongo daheim. Aber sie sind auch nicht zu Hause in Belgien. Und dann kommt eine Gruppe, eine Straßenbande oder eine terroristische. Du willst als junger Mensch einer Gruppe angehören.

Religion als Koordinatensystem

Religion spielt dabei also eine untergeordnete Rolle?

Sie bietet ein Koordinatensystem, indem sie Freund und Feind unterscheidet – gläubig und ungläubig. Doch eigentlich geht es um die Erfahrung der Entwurzelung und den Wunsch nach Verankerung. Ich will keine Vergleiche ziehen, aber in den 40er-Jahren zog die Gruppendynamik viele Flamen zur Wehrmacht, in den 70er-Jahren gab es die Gewalt linksterroristischer Gruppen wie der Baader-Meinhof-Bande.

Ist Gewalt denn ein männliches Phänomen?

Wir wissen jetzt ja auch viel über weibliche Terroristen. Ich glaube, es ist eher eine Generationen- als eine Genderfrage. Und hier geht es um die dritte Zuwanderergeneration, die nicht zurück kann, aber nicht ankommt.

Sie haben Ihre Schauspieler auch in Molenbeek gecastet?

Wir haben festgestellt, dass das belgische Kino doch ein wenig farblos und sehr weiß dominiert ist, also haben wir uns auf die Suche gemacht, in Schulen, im Netz und auch in Jugendzentren in den Vierteln.

Wie ist das Arbeiten mit Schauspielern, die den Beruf nicht gelernt haben?

Überraschend erfrischend, sie hatten mehr Energie. Und sie wussten, worum es geht. Wir haben einige Male zu hören bekommen: „So läuft das nicht im Kiez. So sprechen die Menschen nicht.“ Das macht den Film authentisch.

Aus Sicht vieler US-Medien liegt Brüssel jetzt auf einer Achse des Bösen mit Bagdad und Kabul.

Belgistan, ich kenn das. Aber wir sind kein failed state.

Warum hat Belgien Zukunft?

Das Land ist liebenswert, gerade in seiner Vielfalt. Diese kulturelle Spannung wirkt produktiv. Flamen und Wallonen könnten alleine wenig bewirken. Und zusammen mit Brüssel ist das etwas wirklich Großes.

 

http://www.nzz.ch/international/integrationsprobleme-in-bruessel-belgiens-verlorene-generation-ld.11117

 

«Ich kann nicht mehr zählen, wie viele Morde es in den letzten Jahren um unser Haus herum gegeben hat», sagt der 35-jährige Taxifahrer mit leiser Stimme. Mit 104 Morden je 100’000 Einwohner ist El Salvador das gefährlichste Land weltweit ausserhalb von Kriegsgebieten. In El Salvador finanzieren sich Jugendbanden mit dem Erpressen von Schutzgeldern. Sie haben eine Parallelgesellschaft geschaffen. Wer ihre Regeln nicht einhält, wird umgebracht. In El Salvador gibt es laut offiziellen Zahlen über 60 000 aktive Bandenmitglieder – bei einer Gesamtbevölkerung von rund 6,2 Millionen. Die Repression gegen die Banden hat die Zahl der Morde noch nach oben schnellen lassen!

Gewalt in El Salvador
Regierung ruft Notstand in Gefängnissen aus
Die Bosse der mächtigen Jugendgangs steuern ihre Geschäfte aus den Haftanstalten heraus. Nun will die Regierung mit einer Reihe von Notmassnahmen die Gewalt in dem mittelamerikanischen Land in den Griff bekommen.
  • 30.3.2016, 17:54 Uhr

Polizisten verhaften ein Bandenmitglied. (August 2015) (Bild: Manu Brabo / AP)

Polizisten verhaften ein Bandenmitglied. (August 2015) (Bild: Manu Brabo / AP)

Polizisten verhaften ein Bandenmitglied. (August 2015) (Bild: Manu Brabo / AP)

(dpa)

Angesichts der jüngsten Gewaltwelle in El Salvador hat die Regierung des mittelamerikanischen Landes für sieben Gefängnisse den Notstand erklärt. In den kommenden zwei Wochen werde jede Art der Kommunikation zwischen den Häftlingen und der Aussenwelt unterbunden und Familienbesuch gestrichen, teilte Justizminister Mauricio Landaverde am Dienstag (Ortszeit) mit. Soldaten würden den Aussenbereich der Haftanstalten bewachen.

Rund 300 führende Gangmitglieder wurden in ein Hochsicherheitsgefängnis verlegt. Die Jugendbanden – sogenannte Maras – erhalten ihre Befehle häufig von ihren inhaftierten Chefs. «Die Gefängnisse sind Spelunken, aus denen Befehle kommen, die die Verbrechen im Land erhöhen», sagte Regierungssprecher Eugenio Chicas. «Die Massnahmen sollen die Bevölkerung schützen.»

Mit 104 Morden je 100’000 Einwohner ist El Salvador das gefährlichste Land weltweit ausserhalb von Kriegsgebieten. Die Regierung macht die Maras für den Grossteil der Gewalt verantwortlich. Zuletzt war in El Salvador über die Verhängung des Ausnahmezustandes diskutiert worden. Für Mittwoch wurde erwartet, dass die Regierung dem Kongress ein erstes Massnahmenpaket vorlegt.

Verhandlungen mit den Banden schloss die Regierung aus. Zuletzt hatten die Sprecher der mächtigsten Gangs ihre Mitglieder aufgerufen, keine Morde mehr zu verüben und die Regierung im Gegenzug aufgefordert, von den Notstandsmassnahmen abzusehen.

«Sie halten der Bevölkerung die Pistole an den Kopf und sagen: Verhandelt mit uns oder wir töten weiter», sagte Chicas. «Es wird keinen Waffenstillstand geben. Wir werden diese kriminellen Gruppen weiter verfolgen und vor Gericht bringen.»

Familien sind in den Bandenstrukturen mitgefangen. Eine Frau erfährt, dass ihr Mann, ein Gangmitglied, wegen Mordes festgenommen worden ist. (Bild: Ruido Photo/Keystone)

In El Salvador finanzieren sich Jugendbanden mit dem Erpressen von Schutzgeldern. Sie haben eine Parallelgesellschaft geschaffen. Wer ihre Regeln nicht einhält, wird umgebracht.

Héctor wohnt in der Schusslinie, mit seiner Frau, zwei Töchtern, eine davon herzkrank, und seiner an Alzheimer erkrankten Schwiegermutter. Ihr Haus liegt zwischen den Territorien zweier verfeindeter Jugendbanden in der Hauptstadt San Salvador. «Ich kann nicht mehr zählen, wie viele Morde es in den letzten Jahren um unser Haus herum gegeben hat», sagt der 35-jährige Taxifahrer mit leiser Stimme in seiner Küche. Es dringt wenig Licht von der tropischen Sonne durch das vergitterte Fenster. Der Ventilator brummt, doch er vermag die schwere Luft nicht aus dem Raum zu verdrängen.

Terror gegen die Ärmsten

Die Situation habe sich in den letzten Jahren drastisch verschlimmert, ergänzt seine 41-jährige Frau Alicia, die neben ihm am Küchentisch sitzt und in diesem Haus aufgewachsen ist (Namen aus Sicherheitsgründen geändert). Sie wohnen in einem einstöckigen Betonbau zwischen zwei Gassen. Das Haus ist beidseitig umzäunt von schweren Gittern und feinem Maschendraht – auch der kleine Innenhof, wo die Wäsche zum Trocknen hängt. «Wir leben hier wie in einem Bunker. Das Schlimme ist, dass wir uns daran gewöhnt haben, eingesperrt zu sein. Wir haben uns daran gewöhnt, nicht mit unseren Nachbarn zu sprechen, daran, die Lichter zu löschen, sobald es dunkel wird, und an die Schüsse in der Nacht», sagt Héctor.

Wie in vielen ärmeren Vierteln oder Dörfern in El Salvador regieren auch in Héctors Quartier berüchtigte Jugendbanden – die Maras. Die grössten heissen Mara Salvatrucha und Barrio 18. Sie haben eine Parallelgesellschaft aufgebaut. Wer ihre Regeln nicht einhält, wird umgebracht. In El Salvador gibt es laut offiziellen Zahlen über 60 000 aktive Bandenmitglieder – bei einer Gesamtbevölkerung von rund 6,2 Millionen. Darin nicht mitgezählt sind ihre Familien, die in den Strukturen finanziell mitgefangen sind. Eine Einnahmequelle ist der Drogenverkauf, hauptsächlich aber leben sie von Schutzgelderpressungen. «Erpressungsfälle haben in den letzten Jahren stark zugenommen», so Martín Zepeda. Er arbeitet als Richter in San Salvador. Der Löwenanteil seiner Fälle betreffe Erpressungen – über 40 Prozent, doch die meisten Verbrechen gelangten gar nie ans Gericht. Zepeda weiss, wovon er spricht. Der Taxifahrer Héctor ist sein Schwager. Lange konnte sich Héctor den Erpressern entziehen. Mit selbstauferlegten Regeln, die für das Geschäft erschwerend sind, aber der Sicherheit dienen: Er fährt keine Klienten aus dem Quartier, nimmt keine unbekannten Leute von der Strasse mit, arbeitet nur mit sogenannten gesunden Personen, die ihn per Telefon zu sich bestellen.

Die Pistole an der Schläfe

Doch vor zwei Jahren haben sie auch ihn erwischt. «Ein gut gekleidetes Paar ist in das Auto eines Kollegen gestiegen – er arbeitet im selben Taxikollektiv wie ich. Auf halbem Weg haben sie ihm die Pistole an den Kopf gehalten, zwangen ihn auszusteigen. Sein Taxi musste er für 500 Dollar zurückkaufen. Seit damals bezahlen wir monatlich 200 Dollar. Aufgeteilt auf 30 Fahrer», erzählt er. An eine Anzeige ist nicht zu denken. «Auch wenn wir das Geld selber dringend brauchen würden; lieber bezahle ich das Schutzgeld als ein Bestattungsunternehmen.» So lassen ihn die Bandenmitglieder in seinem Viertel Mejicanos in Ruhe arbeiten, wie die Fahrt zu seinem Haus zeigt. Auf den Gassen schieben sie Wache. Kontrollieren, wer hinein- und wer hinausfährt. Zum Glück sind die Scheiben verdunkelt. «An dieser Ecke haben sie vor zwei Tagen einen jungen Mann erschossen – ein Bandenmitglied. Und dort schossen sie kürzlich auf einen Minibus. Es gab nur Verletzte.»

Plötzlich nähert sich ein Pick-up. Héctor sagt: «Kamera weg!» – und lässt die Scheibe herunter. Er grüsst einen Mann, glatzköpfig, freundlich. Dieser schüttelt ihm die Hand, sein Arm ist tätowiert. Der Mann schielt zur Beifahrerin. Wir fahren weiter. «Ich muss ihn grüssen», erklärt Héctor entschuldigend. «Er ist einer der Bandenbosse, er weiss, dass ich bereits bezahle. Sie müssen dich kennen, wenn du hier herumfährst.»

Für den Richter Zepeda ist klar, dass eine Anzeige seines Schwagers Selbstmord wäre. «Man weiss nie, wer wie in was verstrickt ist. Es kann sein, dass der Polizist, bei dem er den Erpresser anzeigt, mit demselben eine Vereinbarung hat. Die Bewohner haben das Vertrauen in die Behörden verloren», sagt Zepeda. Wer konnte, ist wie er aus dem Quartier weggezogen. Seine Nachbarn aus der Kindheit wohnen nicht mehr im gefährlichen Viertel Mejicanos.

Wann hat die Gewalt zugenommen? Héctor und Alicia erinnern sich: «2009 begann der Horrorfilm in unserer Zone. Das Gerücht ging um, dass Busfahrer Schutzgelder bezahlen müssen. Das haben sie zunächst nicht gemacht. Nach drei Tagen wurde ein Fahrer erschossen.» Wenig später – im Juni 2010 – verübten Mitglieder der Mara Barrio 18 ein Massaker. Ihre Brutalität hat sich in die Köpfe der Salvadorianer eingeprägt. Wenige Blocks entfernt von Héctors Haus im Viertel Mejicanos zündeten sie einen vollbesetzten Minibus an. 17 Passagiere verbrannten bei lebendigem Leibe. Das Motiv war Rache, weil zuvor eines ihrer Mitglieder umgebracht worden war. «Ungefähr ab diesem Zeitpunkt begannen die Bandenmitglieder unsere Bäckereien mit Schutzgeldern zu belegen, auch die kleinen Geschäfte. Nachbarn, die ihre Läden jahrelang geführt hatten, mussten schliessen. Sie verdienten zu wenig, um zu bezahlen, erhielten Morddrohungen und zogen weg», so Alicia.

Der Richter wagt sich nur selten zu seinem Elternhaus nach Mejicanos. Er besuche seine kranke Mutter zweimal monatlich, sagt er in seinem Büro in der Hauptstadt. «Wenn mein Bruder kommt, ruft er mich an und gibt mir die Uhrzeit durch. Dann fährt er mit dem Auto vor, unsere Mutter steigt ein, und weg sind sie», sagt Alicia, seine Schwester. «Er hat Angst, hierher zu kommen. Er, der sein Brot damit verdient, dass er für Gerechtigkeit in unserem Land sorgen sollte!»

Kurswechsel der Regierung

Für die Bewohner der betroffenen Sektoren ist klar, dass die Regierung tatenlos zuschaut. Die Banden haben die Kontrolle übernommen. Wie reagiert sie auf diese Anschuldigungen aus der eigenen Bevölkerung? «Es stimmt. Es gibt schwierige Zonen, in denen der Staat eine schwache Präsenz hat. Aber es gibt keinen Ort in diesem Land, zu dem der Staat nicht hingeht», verteidigt sich Benito Lara im Interview im Sitzungszimmer der Regierung. Er ist der Sicherheitsminister der neuen linksgerichteten Regierung unter Salvador Sánchez Cerén, welche seit Anfang Juni an der Macht ist.

Die Politiker der ehemalige Guerillaorganisation Frente Farabundo Martí para la Liberación Nacional (FMLN) sehen den Grund der grassierenden Kriminalität bei ihren Vorgängern. In den vergangenen Jahrzehnten sei falsche Politik gemacht worden, sagt Lara. «Besonders verheerend war die repressive Sicherheitspolitik gegen die Banden. Mit der Politik der harten Hand ab 2003 ging der Schuss nach hinten los. Damals hatten wir 12 000 Morde pro Jahr, fünf Jahre später 18 000.» Die neue Regierung wolle der Gewalt mit einer integralen, sozialen Politik entgegentreten. Unter anderem soll mehr in die Rehabilitierung früherer Bandenmitglieder investiert werden, mehr Prävention betrieben werden, und es sollen mehr Arbeitsplätze geschaffen werden. Lara anerkennt, dass die Bekämpfung der Erpressungen eine der grössten Herausforderungen für die neue Regierung sein wird. Die Ahndung dieser Verbrechen ist bis jetzt kaum möglich. Es gilt das Gesetz der Strasse: «Ver, oír y callar» (sehen, hören, schweigen). Héctor sagt: «Hier lebt am längsten, wer am wenigsten weiss. Wenn etwas passiert, schaut man auf die andere Seite, um in nichts verwickelt zu werden.»

Wie eine Hydra

Die wenigen, die es dennoch wagen, Anzeige zu erstatten, bewirken damit zurzeit noch reichlich wenig. Der Richter Zepeda vergleicht es mit der Hydra aus der griechischen Mythologie. Die Banden schicken verschiedene Leute, um Bestechungsgelder einzutreiben. Oft auch 12-Jährige, die dazugehören wollen. Bei einer vermeintlichen Geldübergabe geht der Polizei der Gehilfe in die Fänge, nicht die Spitze der Organisation. Die Banden haben eine grosse Basis und können neue Leute nachziehen. Sie sind wie eine Hydra – ein Ungeheuer also, dem für jeden Kopf, der abgeschlagen wird, zwei neue nachwachsen.

Zepeda wünscht sich von der Regierung, dass sie verstärkt gegen die Erpresserbanden ermittelt, um die Strukturen zerschlagen zu können. Dazu brauche es die Mithilfe der Bevölkerung, meint der Sicherheitsminister. «Sie weiss am besten, wer in ihrer Zone kriminell ist. Wir müssen es schaffen, ihr Vertrauen in die Sicherheitsinstitutionen zurückzugewinnen. Wir werden die kommunale Polizei stärken. Und eine Politik der permanenten Säuberung der Polizei durchsetzen», sagt Benito Lara.

Was denken Bandenmitglieder über ihre egoistische Art, sich wie Parasiten von ihren Landsleuten durchfüttern zu lassen? Sie sprechen ungern darüber, im Wissen, dass die Bevölkerung wütend auf sie ist. So zahlreich die Bandenmitglieder sind, so zahlreich sind ihre Meinungen dazu.

Ein 22-jähriges Bandenmitglied verurteilt die Praxis, mittellose Leute zu erpressen. «Es stimmt, wir machen das. Aber das ist nicht die Schuld der Homeboys», meint er, wobei er sich auf die einfachen Bandenmitglieder bezieht. «Die Chefs behalten die fixen Schutzgelder für sich», sagt der junge Mann, der als geheimer Informant der Polizei dient und auf einem kleinen Polizeiposten etwas ausserhalb der Hauptstadt mit drei weiteren Bandenmitgliedern eingesperrt ist. Er hatte die Wahl zwischen einem Urteil wegen mehrfachen Mordes und der Zusammenarbeit mit dem Staat als Informant. Dafür erhält er eine Hafterleichterung.

1200 Dollar Erpressungsgeld

«Wir leben von den Erpressungsgeldern. Damit finanzieren wir unsere Leute im Gefängnis, damit kaufen wir unsere Waffen.» Er sagt, vom öffentlichen Transportwesen hätten er und seine Clique alle zwei Wochen 1200 Dollar erpresst. Ein Grossteil davon ging an 22 inhaftierte Mitglieder. Den Rest teilten sie unter sich auf. Offenbar zu wenig: «Was soll der einzelne Homeboy tun? Wir müssen unser Geld deshalb im Laden nebenan einfordern oder beim Eisverkäufer auf der Strasse. Es ist die Schuld der Chefs, weil sie alles Geld behalten. Und für die Homeboys bleibt nichts übrig, obwohl wir es sammeln.»

Auch normale Leute lernen von dieser Praxis. Einfach verdientes Geld ist verlockend. Nicht nur für Bandenmitglieder. Richter Zepeda kennt abstruse Fälle: «Frauen oder Männer geben sich als Mitglieder der Bande XY aus und verlangen bei einem Telefonanruf 1000 Dollar. Die Leute bezahlen, aus Angst, dass sie sonst umgebracht werden.»

Dieser Teufelskreis höre erst auf, wenn es im Land mehr Arbeitsmöglichkeiten gebe, davon ist der Richter Zepeda überzeugt. «Was macht ein Bandenmitglied, das aus dem Gefängnis kommt und keine Arbeit findet? Es geht zurück zu den ehemaligen Kollegen.» Bis jetzt gibt es fast keine Rehabilitierungsmöglichkeiten – eine Kleiderfabrik beschäftigt dreissig ehemalige Bandenmitglieder, eine weitere Firma eine ähnliche Zahl.

Martín Zepeda hat Vertrauen zur neuen Regierung. Dank den versprochenen Massnahmen werde sich die Situation verbessern, ist er überzeugt. Bis dies geschieht, müssen seine nahen Verwandten weiterhin in ihrem Bunker in Mejicanos leben. Zepeda fühlt sich machtlos: «Ich kann schliesslich nicht die ganze Familie zu mir ins Haus holen», sagt der Sohn der alzheimerkranken Mutter. Héctor und Alicia zählen viel weniger auf die neue Regierung als auf Gott. In der Küche erzählen sie kurz vor dem Eindunkeln in der drückenden Hitze von ihren Kirchenbesuchen. «Wir wissen, wenn wir Gott treu sind, ist er das auch uns. Der Beweis dafür ist, dass es uns trotz den vielen Toten um uns herum bisher noch nicht getroffen hat.»

 

http://www.nzz.ch/international/amerika/lieber-bezahle-ich-schutzgeld-als-den-sarg-1.18370157

Ich sag Panikern wegen der Flüchtlinge: „Hey, Leute, das ist jetzt einfach ’ne neue Phase, das ist nichts Schlimmes!“ Noch nie zeigten sich die 15- bis 24-Jährigen so aufgeschlossen wie heute: Nur noch etwas mehr als ein Drittel der Jugendlichen wünscht sich, dass sich die Zuwanderung verringert. Vor zehn Jahren wollten das noch 58 Prozent. So schnell verändert sich die Welt. Und im selben Jahrzehnt ist zugleich das Politikinteresse bei den 15- bis 24-Jährigen von 39 auf 46 Prozent gestiegen. Moderne Gesellschaften bekommen ihre Modernisierungsimpulse nicht von denen, die im Innenraum sitzen, die sich in den Verhältnissen gut eingerichtet haben und an nichts so wenig interessiert sind wie an Veränderung. Ein Plädoyer für mehr Zuversicht von Richard David Precht und Harald Welzer

Migration:
Jugend an die Macht!
Unsere Debatte über die Flüchtlingskrise wird von älteren Intellektuellen bestimmt. Sie schüren Ängste, wo Offenheit vorherrscht. Ihre Verzagtheit erweist sich als gefährlich. Ein Plädoyer für mehr Zuversicht

Von Richard David Precht und Harald Welzer
19. März 2016 DIE ZEIT Nr. 13/2016, 17. März 2016 737 Kommentare
Kinder im Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze
Kinder im Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze © Lousia Gouliamaki/AFP/Getty Images
Unlängst auf einer Veranstaltung zur Offenen Gesellschaft im Deutschen Theater in Berlin meldete sich eine 17-jährige Schülerin. Sie wundere sich, sagte sie, was „die Älteren“ alle für eine Panik hätten wegen der Flüchtlinge. „Ich sag denen: Hey, Leute, das ist jetzt einfach ’ne neue Phase, das ist nichts Schlimmes!“ Ein guter Satz. Moderne Gesellschaften bekommen ihre Modernisierungsimpulse nicht von innen heraus. Denn im Innenraum sitzen ja die, die sich in den Verhältnissen gut eingerichtet haben und an nichts so wenig interessiert sind wie an Veränderung.

Warum hat sich der Kapitalismus seine ganze Geschichte hindurch modernisiert, woher rührt seine im Vergleich zu anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsformen ungeheure Modernisierungsfähigkeit? Er hat gewissermaßen einen eingebauten Dynamo in Gestalt von geopolitischen Wandlungsprozessen, natürlichen und politischen Katastrophen, aufbegehrenden Gruppen, was ihn beständig zu Modernisierungen zwingt, zu denen Marktmechanismen allein nicht führen. Zur Modernisierung moderner Gesellschaften braucht es Impulse durch soziale Bewegungen, die die kapitalistische Welt nicht nur gerechter, sondern auch überlebensfähig machen.

Nur ein Drittel der Jugendlichen möchte die Zuwanderung begrenzen
Die Frage nach flüchtenden, aus- und einwandernden Menschen ist eine Frage von epochaler Bedeutung. Sie wird für die nächsten Jahrzehnte bestimmend bleiben und ist damit viel zu groß, zu wichtig und zu ernst, als dass man sie nach den Freund-Feind-Bedürfnissen von Männern diskutieren könnte, die nicht mehr so recht in die Zeit passen. Sich vor „Überrollung“ und „Flutung“ zu fürchten, wie es Peter Sloterdijk tut (ZEIT Nr. 11/16), ist in einer multipolaren Welt mit ökologischen und wirtschaftlichen Ungleichheiten von gestern. Man würde sich von Denkern wie ihm und Rüdiger Safranski gerne mehr Frische und mehr Mumm wünschen und vor allem mehr Beherztheit. Wie viel könnten sie dabei von den Jüngeren lernen! Die Shell-Jugendstudie vom vergangenen Jahr fragte junge Menschen nach ihrer Haltung zur Zuwanderung. Noch nie zeigten sich die 15- bis 24-Jährigen so aufgeschlossen wie heute: Nur noch etwas mehr als ein Drittel der Jugendlichen wünscht sich, dass sich die Zuwanderung verringert. Vor zehn Jahren wollten das noch 58 Prozent. So schnell verändert sich die Welt. Und im selben Jahrzehnt ist zugleich das Politikinteresse bei den 15- bis 24-Jährigen von 39 auf 46 Prozent gestiegen.

Man sollte diese Werte in Beziehung zu jener sozialen Bewegung setzen, der man das unpolitische Wort „Willkommenskultur“ angeheftet hat. Im vergangenen Spätsommer betrachtete eine Bevölkerungsmehrheit die „Flüchtlingsfrage“ ganz und gar phobiefrei. So trieb sie die Politik im Modus der gelebten Verantwortungsübernahme vor sich her. Obwohl Politik und Medien beständig argwöhnten, dass „die Stimmung kippt“, gab die Mehrheit unverdrossen zu Protokoll, dass sie für die Aufnahme von Flüchtlingen sei. Man kann dieses unglaubliche praktische Engagement in der Flüchtlingshilfe als Sternstunde der Demokratie und der offenen Gesellschaft würdigen. Doch die mediale und politische Optik fokussierte sich in äußerster Detailverliebtheit auf erstens „Probleme“ und zweitens „Rechtsextreme“. Und beides wurde dabei in der Ökonomie der Aufmerksamkeit ebenso aufgewertet, wie es die atemberaubende Demokratiefähigkeit der Mehrheit abwertete.

Wenn man wohlwollend ist, nimmt man an, dies sei absichtslos geschehen. Doch die rasante begriffliche Aufrüstung von Cicero bis FAZ lässt daran leider zweifeln. Sie hat den Diskurs über eine große gesellschaftliche Herausforderung immer weiter hysterisiert. Statt mit der normativen Kraft des Faktischen haben wir es mit einer normativen Kraft des Fiktiven zu tun. In Staaten wie dem Libanon ist jeder Fünfte ein Flüchtling. Jordanien gibt ein Viertel seines Staatshaushaltes für Flüchtlingshilfe aus. In Deutschland ist nicht mal jeder Vierzigste ein Flüchtling, und die Staatsausgaben für Zuwanderer liegen im niedrigen einstelligen Bereich. Trotzdem konstatieren Kommentatoren „Staatsversagen“. So hält das völlig fiktive Bild eines kollabierenden und überrannten Landes dafür her, harte Maßnahmen zu fordern. Wer hier die öffentliche Ordnung kollabieren sieht, redet wohlgemerkt von Deutschland im Jahr 2016 und nicht von Syrien, Afghanistan oder Somalia. Nicht die Realität, sondern Übertreibung und Phantasma begründen die immer stärkere begriffliche Aufrüstung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.
Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 17.3.2016.
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Jede gesellschaftliche Herausforderung ging und geht einher mit Umbrüchen und mit Überforderungen. Und immer wieder gibt es Menschen, die das Gefühl haben, „nicht mehr mitzukommen“. Das produktiv Verstörende hat die Überforderten noch immer gegen jeden Modernisierungsschub wettern lassen. Die Geschichte der Frauenbewegung, die Initiative zur Abschaffung der Sklaverei oder die blutigen Querelen im Kampf um humane Arbeitsbedingungen geben davon beredtes Zeugnis. Stets wurden von ihren Gegnern der Verfall der Sitten und eine Katastrophe mit unabsehbaren Folgen konstatiert. Am Ende aber hat jede soziale Bewegung das Leben in unserer Gesellschaft lebenswerter gemacht.

Die Migrationsbewegung, die wir derzeit erleben, ist keine sozialrevolutionäre Vereinigung. Aber sie ist eine Herausforderung an unsere kapitalistische Gesellschaft, die neue Impulse setzt, weil sie zum Umdenken zwingt. Weil sie uns dringlich vorführt, was wir alle wissen: wie unfair die Chancen auf ein erfülltes Leben in der Welt verteilt sind. In diesem Bewusstwerden von Unfairness liegt ihr gesellschaftlicher Sprengstoff. Wie früher die Sklaverei, die Frauenfrage oder die Arbeiterfrage haben wir die ungleiche Verteilung von Ressourcen und Lebenschancen lange als naturgegeben betrachtet. Aber sie ist ebenso wenig naturgegeben wie einst die Rolle der Sklaven, der Frauen oder der Arbeiter. Die weltweit wachsende Zahl von Flüchtlingen ist eine soziale Tatsache, und das 21. Jahrhundert zwingt uns, sie ernster zu nehmen als zuvor.

Die Außenpolitik hat das Problem nicht vorhergesehen

Diese soziale Tatsache ist durch Abschottung nicht aus der Welt zu schaffen. Das allerdings heißt, dass wir unsere eigenen Werte ernster nehmen müssen als bisher. Das wird im Detail gewiss nicht bedeuten, alle Menschen aller Länder bei uns aufzunehmen. Aber es bedeutet die Übersetzung der Flüchtlingsfrage in eine, die sich direkt an uns selbst richtet: Was können und was müssen die reichen Gesellschaften des Westens tun, um ihren eigenen Werten zu entsprechen?

Die Außenpolitik ist schuld, sie befand sich zu lange im Fahrwasser der USA

Fragestellungen dieser Größenordnung wecken Ängste. Es sind naheliegende Ängste, denn von Lösungen sind wir, trotz des beherzten Einsatzes der Kanzlerin, weit entfernt. Es sind gerechtfertigte Ängste vor einem Anwachsen von Kriminalität, wenn es uns nicht gelingt, eine Integrationspolitik zu machen, die diesen Namen auch verdient. Doch eine pauschale Lösung gibt es nur in Märchen. In der Realität muss man der Herausforderung auf verschiedenen Feldern begegnen. Dabei wird klar, dass das Flüchtlingsthema genau dort Probleme sichtbar macht, wo sie ohnehin vorhanden sind und jetzt lediglich virulenter werden.
Ein erstes Feld wäre die Bildungspolitik. Schon lange zweifeln nur noch wenige daran, dass unser Bildungssystem den Anforderungen der Gegenwart und der Zukunft nicht mehr gewachsen ist. Immer wieder haben wir daran herumgeflickt wie an einem alten Sonntagsanzug, haben Knöpfe ergänzt und Borten darangenäht. Aber all diese sogenannten Reformen haben nichts daran geändert, dass bereits die Integration von Migrantenkindern der zweiten und dritten Generation so gut wie nicht gelingt.

Das Desaster ist Bildungsforschern und Kultusministern bekannt, und doch fehlt allerorten der Mut zum Neubau unseres Bildungssystems. Wörter wie „Chancengerechtigkeit“ und „Potenzialentfaltung“ bleiben heiße Luft, solange wir mit einem Schulsystem operieren, das für beides nicht gemacht und gedacht ist. Um wie viel größer wird diese Misere werden, wenn Hunderttausende von Flüchtlingskindern in unseren Schulen keine echte Chance haben werden? Ohne Zweifel werden wir die allgemeine Bildungspflicht des Staates auf eine Kindergartenpflicht ausweiten müssen. Wir könnten endlich unser völlig überholtes dreigliedriges Schulsystem einebnen, das Hauptschüler zu nicht benötigten Restschülern abstempelt. Und wir könnten das Lernen in den Schulen so individualisieren, dass jeder nach allen Kräften gefördert wird, statt alle über einen Kamm zu scheren, demotiviert durch den Maßstab des Mittelmaßes. Wie all dies in der Praxis funktioniert, ist längst bekannt und erprobt. Und doch fehlt der Ruck, der durch das Land gehen müsste, um diese Aufgabe anzupacken.

All das wird umso besser gehen, wenn es – auf einem zweiten Feld – gelingt, all das Wissen und Können produktiv zu machen, das wir auf kommunaler Ebene bei der Integration der letzten Jahrzehnte erworben haben. Man denke nur an die Menschen, die während der Jugoslawienkriege zu uns gekommen sind. Und an die vielen Ex-OBs und Ex-Staatssekretäre, die hier ihre Erfahrungen gesammelt haben; Menschen, die heute keiner fragt und ernsthaft mit einbezieht, so als wären Migration und Integration etwas völlig Neues, das niemand bei uns kennt.

Ein drittes Feld ist die Außenpolitik. Das Thema ist so umfangreich, dass es hier nur auf wenige Sätze kondensiert skizziert werden kann. Man wird der deutschen Außenpolitik auch mit viel gutem Willen gewiss nicht nachsagen können, dass sie sich um Migrationsprävention gekümmert hat. Über Jahrzehnte hinweg hat sie offensichtlich nicht mal das Problem gesehen und vorhergesehen. Wir haben unsere Außenpolitik im Nahen und Mittleren Osten im Fahrwasser amerikanischer Interessen gesehen, und alle Abweichungen – etwa die Nichtbeteiligung am letzten Irakkrieg – kosteten viel Kraft. In Zukunft wird zumindest ein Kerneuropa mehr und mehr eine Außenpolitik machen, die das Interesse Europas verfolgt. Dass politisch nicht zu Ende gedachte Kriege der USA nicht nur Grausames in den betroffenen Ländern anrichten, sondern zudem Europa mit Millionen flüchtender Menschen konfrontieren, sollte spätestens von nun an nicht mehr vernachlässigt werden dürfen.

Ein viertes Feld ist die Entwicklungshilfepolitik. Wir finanzieren mit der Gießkanne in hundert Ländern irgendwelche kleinen Projekte. Doch diese nahezu symbolischen Hilfen bleiben politisch wirkungslos; ein Versuch, mit der Luftpumpe die Windrichtung zu ändern. Statt des Gießkannenprinzips brauchen wir eine Entwicklungshilfe, die sich auf einige wenige Länder konzentriert, gut abgestimmt mit den ausgewählten Ländern anderer EU-Staaten. Der erfahrene Praktiker Rupert Neudeck spricht in diesem Zusammenhang davon, Staaten zu „adoptieren“: gemeinsame Kabinettssitzungen abzuhalten, Geld und Know-how zur Verfügung zu stellen, bei Planungen des Staates als Partner dabei zu sein. Nur so lassen sich Länder wie etwa jene südlich der Sahara tatsächlich entwickeln.

Wer Mauern baut, muss auch bereit sein, auf Unschuldige zu schießen

Gegen all diese Vorschläge gibt es gute und schlechte Einwände. Sie sind den Verfassern in breitem Umfang bekannt. Doch wer etwas erreichen will, sucht sich Ziele; wer etwas verhindern will, sucht Gründe. Im Augenblick scheinen wir noch immer gelähmt zu sein von der Diktatur der Gründe über die Ziele. Unser öffentlicher Diskurs weiß immer sofort, wogegen er ist, aber fast nie, wofür. Das Schöne an den Einwänden, am Nörgeln und Unmöglichreden ist, dass es so risikolos ist. Und die Risiken sind in der Tat hoch. Wie bei allen gesellschaftlichen Umbrüchen stellt sich auch in der Migrationsdebatte die Frage, inwieweit die Verteilung des Wohlstands gerechtfertigt ist. Das schürt die Angst vor Abstrichen, Verzicht und Verlust. Wie naheliegend und wie idiotisch zugleich, dafür gerade jene verantwortlich zu machen, die – anders als wir – die augenblicklichen Verlierer der Weltgeschichte sind!

Aus sozialpsychologischer Perspektive mutet die vollkommen hysterisierte Diskussion allfälliger Real- und Fantasieprobleme mit „den Flüchtlingen“, die Klage über die „Willkommenskultur“, die dringend von einer „Verabschiedungskultur“ (FAZ) abgelöst werden müsse, wie ein gespenstisches Realexperiment zum Phänomen der shifting baselines an. Gemeint ist die unbemerkte Verschiebung der normativen Maßstäbe, die man an Geschehnisse anlegt. Das Phänomen ist an vielen unguten historischen Beispielen ausführlich beschrieben. Die Referenzrahmen der Wahrnehmung und Deutung von Ereignissen und Situationen wandeln sich oft erstaunlich schnell, und alle halten sich auch dann noch für moralisch integer, wenn sie schon längst der Gegenmenschlichkeit und ihren Maßnahmen zustimmen. Man kann zur Illustration die Geschichte eines Deutschen von Sebastian Haffner lesen oder in der Gegenwart beobachten, wie unter dem mutwilligen Einsatz intellektueller Stichwortgeber ein „Flüchtlingsproblem“ so ins Maßstablose vergrößert wird, dass am Ende die „Lösung“ der „Krise“ nicht etwa in der Modernisierung der Zuwanderungspolitik und des staatsbürgerlichen Selbstverständnisses, sondern in der Schließung der Grenzen imaginiert wird.

RICHARD DAVID PRECHT
51, lehrt Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg und an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin.

Ist denn nicht klar, dass diese Schließung mit Stacheldraht, Beton und Zement das, was wir für normal halten, noch weiter verschiebt? Wer Mauern baut, muss auch bereit sein, gegebenenfalls von ihnen herunter auf Unschuldige zu schießen, und – shifting baselines – auch daran werden sich nicht wenige Menschen im Land gewöhnen. Was wird dann der nächste Schritt sein? Was mit einem Grenzzaun beginnt, bringt schnell das moralische Fundament ins Rutschen, auf dem wir stehen. Am Ende werden diese Mauern archäologisch wichtige Monumente sein, Relikte einer Kultur, die es nicht schaffte, ihre dynamischen Spannungen konstruktiv zu lösen.

HARALD WELZER
57, ist Direktor von „Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit“ und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg.

In der Geschichte der Menschheit gibt es kein freiwilliges Zurück. Man kann sich vieles wünschen, was früher einmal besser gewesen sein soll. Aber wenn man es einfordert, wird der Rahmen des Sagbaren und Denkbaren und damit des Wünschbaren so verschoben, dass die gegenmenschlichen Ressentiments und verbalen Versatzstücke, die zuvor nur am rechten Rand heimisch waren, in die Mitte der Gesellschaft migrieren und diese selbst verändern.

Wir haben gute Gründe, uns vor dieser Migration rechter und menschenfeindlicher Vorstellungen, Begriffe und Maßnahmen zu fürchten. Bei all den Problemen, vor denen die offene Gesellschaft im 21. Jahrhundert steht, geht es gar nicht dümmer, als stilistisch tümelnd bis zur Selbstkarikatur darauf zu insistieren, dass die Welt sich bitte nicht verändern möge.